Zwischen Google Scholar und ChatGPT: So recherchieren Studierende im Jahr 2026

von Doreen Siegfried (ZBW)

Wer heute Wirtschaftswissenschaften studiert, bewegt sich bei der Literatursuche zwischen unterschiedlichen Informationswelten. Google Scholar, Bibliothekskataloge und generative KI gehören zum studentischen Recherchealltag. Doch welche Rolle spielen klassische Fachdatenbanken noch? Und wie gut gelingt es Studierenden, Informationen zu finden, ihre Qualität zu beurteilen und sie wissenschaftlich korrekt zu verwenden?

Diesen Fragen sind wir in unserer neuen Studie „Zwischen Google Scholar und ChatGPT – Wie Wirtschaftsstudierende heute recherchieren“ nachgegangen. Zwischen März und Mai 2026 haben wir 908 Studierende wirtschaftswissenschaftlicher Fächer an deutschen Hochschulen online befragt.

Wissenschaftliche Recherche bekommt neue Routinen

Die Ergebnisse zeigen zunächst, dass eigenständige Literaturrecherche für die große Mehrheit der Befragten selbstverständlich ist. 88,3 Prozent haben bereits häufig oder gelegentlich selbstständig nach Literatur oder Fachinformationen gesucht. Bei der Wahl der Recherchewerkzeuge dominieren weiterhin allgemeine Suchdienste: 91,3 Prozent der befragten Studierenden mit Rechercheerfahrung nutzen Google, Google Scholar oder vergleichbare Angebote manchmal bzw. oft.

Neu ist die Bedeutung generativer KI. 64,7 Prozent der Befragten gaben an, bei der Literatursuche manchmal oder oft Chatbots und KI-Allrounder wie ChatGPT oder Gemini zu nutzen. Bemerkenswert ist, dass spezialisierte KI-Recherchewerkzeuge wie Elicit, Consensus, Connected Papers, ResearchRabbit oder SciSpace bislang eine deutlich geringere Rolle spielen. Mit knapp zwei Dritteln liegen die KI-Chatbots bereits vor Bibliothekskatalogen (58,4 Prozent) und deutlich vor spezialisierten wirtschaftswissenschaftlichen Fachdatenbanken, wie beispielsweise EBSCO-Datenbanken (Business Source Elite, -Premier, -Complete, -Ultimate), Factiva, JSTOR, Nexis Uni, ProQuest One Business, RePEc oder SSRN (41 Prozent).

Viele Fachdatenbanken sind wenig bekannt

Warum spielen spezialisierte Rechercheangebote eine vergleichsweise geringe Rolle? Ein Teil der Antwort liegt darin, dass sie weniger bekannt sind. Rund die Hälfte der befragten Studierenden kennt Fachdatenbanken wie Factiva, Nexis Uni, ProQuest One Business oder auch RePEc nicht. Selbst seit Langem etablierte wissenschaftliche Rechercheplattformen wie EconBiz, JSTOR oder SSRN sind vielen der Studienteilnehmenden nicht geläufig.

Das sollte jedoch nicht vorschnell als Desinteresse an fachlich qualifizierten Informationsressourcen interpretiert werden. Vielmehr stellt sich für wissenschaftliche Bibliotheken die Frage, ob der Mehrwert ihrer Angebote im studentischen Recherchealltag ausreichend sichtbar wird. Lohnenswert könnte zudem ein selbstkritischer Blick auf die eigene Vermittlungspraxis sein: Holen wir Studierende dort ab, wo sie mit ihren Recherchegewohnheiten tatsächlich stehen? Oder vermitteln wir Informationskompetenz zuweilen aus einer Defizitperspektive heraus, die vor allem betont, was Studierende noch nicht wissen oder vermeintlich falsch machen? Haben wir wirklich die Antworten auf die wahren Bedürfnisse der Studierenden?

KI-Kompetenz ist längst Teil der Informationskompetenz

Generative KI ist inzwischen weit mehr als ein Werkzeug für die Literatursuche. 91,5 Prozent der Befragten setzen KI-basierte Anwendungen darüber hinaus bewusst und zielgerichtet in anderen Bereichen des Studiums ein: Sie lassen sich komplexe Sachverhalte erläutern, klären Verständnisfragen, analysieren Texte oder verschaffen sich mit Hilfe von KI einen ersten Überblick über ein neues Themengebiet.

Damit wachsen Recherche, Lernen und Textarbeit zunehmend zusammen. Ein Chatbot kann innerhalb einer einzigen Arbeitssitzung Suchbegriffe vorschlagen, Literaturhinweise liefern, einen Text zusammenfassen und erste Argumentationslinien entwickeln. Für Bibliotheken bedeutet dies unter anderem, dass sich Informationskompetenz nicht mehr sinnvoll vermitteln lässt, ohne KI-gestützte Recherchepraktiken einzubeziehen.

Bemerkenswert ist dabei die ausgeprägte Sensibilität der befragten Studierenden für technologische Risiken. 92,4 Prozent sehen die Gefahr falscher oder halluzinierter Ergebnisse, 69,8 Prozent befürchten eine zu starke Abhängigkeit von KI. Allerdings ist Risikobewusstsein nicht mit Handlungskompetenz gleichzusetzen. Wer weiß, dass ChatGPT Literaturangaben erfinden kann, ist deshalb noch lange nicht automatisch in der Lage, solche Fehler systematisch aufzudecken, Quellen zu verifizieren oder die Qualität einer KI-generierten Antwort fachlich einzuordnen.

Gerade hier liegt ein wichtiges Handlungsfeld für die Vermittlung von Informationskompetenz durch Bibliotheken. Studierende benötigen nicht nur Wissen darüber, was KI leisten kann, sondern insbesondere Verfahren, um deren Ergebnisse kritisch zu überprüfen.

Die alten Rechercheprobleme sind keineswegs verschwunden

Bei aller Aufmerksamkeit für generative KI macht die ZBW-Studie auch deutlich, dass grundlegende Probleme der wissenschaftlichen Literaturarbeit fortbestehen. So empfinden es 62,5 Prozent der Befragten als schwierig, an Volltexte wissenschaftlicher Publikationen zu gelangen. Mehr als die Hälfte (53,6 Prozent) berichtet zudem von Problemen bei der Einschätzung, ob ein Recherchetreffer für die eigene Fragestellung relevant ist.

Generative KI löst diese Schwierigkeiten nicht automatisch. Eine plausibel formulierte Antwort ersetzt weder den Zugang zur Originalpublikation noch deren kritische Lektüre und fachliche Bewertung. Dass hier weiterhin erheblicher Unterstützungsbedarf besteht, zeigen die Antworten auf die Frage, welche Schulungsinhalte die befragten Studierenden für besonders wichtig halten:

  • 92,2 Prozent: Richtiges Zitieren und Plagiatsvermeidung
  • 89,6 Prozent: Vertrauenswürdige Quellen identifizieren
  • 81,3 Prozent: Einsatz von KI bei der Literatursuche
  • 75,9 Prozent: Geeignete Suchbegriffe entwickeln
  • 73,1 Prozent: Recherche in Suchmaschinen und Datenbanken

(Jeweils Anteil der Antworten „eher wichtig“ und „sehr wichtig“.)

Auffällig ist, dass bei den studentischen Bedürfnissen beim Umgang mit Fachliteratur Anleitungen zum Einsatz von KI bei der Literatursuche bereits an dritter Stelle stehen. Die befragten Studierenden wünschen sich also keineswegs ausschließlich mehr KI-Wissen. Vielmehr verbinden sich neue technologische Anforderungen mit klassischen Fragen wissenschaftlicher Informationskompetenz.

Was bedeutet das für Bibliotheken?

Die Ergebnisse sprechen dafür, Informations- und KI-Kompetenz künftig stärker integriert zu vermitteln. Dabei geht es weniger darum, bestehende Schulungsprogramme lediglich um einen weiteren Kurs zu ChatGPT zu ergänzen. Vielmehr sollten die tatsächlichen Recherche- und Arbeitsprozesse der Studierenden ganzheitlich betrachtet und zum Ausgangspunkt bibliothekarischer Bildungsangebote werden.

Das reicht von der Frage, wie sich KI sinnvoll zur ersten Orientierung nutzen lässt und wie aus KI-generierten Suchbegriffen tragfähige Suchstrategien für Fachdatenbanken werden, bis hin zur Überprüfung von Literaturhinweisen, der Beschaffung der Originalpublikationen und zur kritischen Bewertung der Rechercheergebnisse. Nicht zuletzt gehört dazu auch die Einsicht, wann es besser ist, einen Text selbst zu lesen, statt sich auf eine KI-generierte Zusammenfassung zu verlassen.

Bibliotheken müssen dafür nicht bei null anfangen, denn ihre Kernkompetenzen sind gefragter denn je. Die Herausforderung besteht darin, sie dort sichtbar zu machen, wo Studierende heute tatsächlich recherchieren.

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Über die Autorin:
Dr. Doreen Siegfried ist die Leitung der Abteilung Marketing und Public Relations in der ZBW – Leibniz Informationszentrum Wirtschaft. Sie ist auf LinkedIn zu finden.
Porträt: ZBW©

Dieser Text und die Grafiken stehen, soweit nicht anders vermerkt, abweichend unter der Lizenz: CC BY-NC-ND.

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