Studie zu KI und Open Educational Resources: Strategische Relevanz oder individuelle Motivation?
Open Educational Resources werden in der Hochschullehre noch nicht in dem ursprünglich von vielen vermuteten Maße genutzt. Welche Rolle könnte der Einsatz von KI-Anwendungen bei der Entwicklung, Nutzung und Weiterentwicklung von OER spielen? Wie kann KI dabei helfen, die Verbreitung von OER zu fördern? Eine neue Studie beleuchtet das große Potenzial – und offenbart deutliche Unterschiede in der Wahrnehmung der strategischen Bedeutung beider Themen.
von Birgit Fingerle (ZBW)
Obwohl OER als zentraler Baustein einer modernen Hochschullehre gelten und rund um das Thema bereits vielfältige neue Beratungsangebote, Förderformate sowie digitale Plattformen und Infrastrukturen aufgebaut und weiterentwickelt wurden, spielt ihre Nutzung im Hochschulalltag bislang nicht annähernd die erwartete Rolle. Im Rahmen einer neuen Interviewstudie wurde untersucht, inwiefern ihre Entwicklung von der rasanten Verbreitung generativer Künstlicher Intelligenz (KI) profitieren kann.
Gemeinsam mit Partnern im twillo-Verbund hat das HIS-Institut für Hochschulentwicklung (HIS-HE) die Studie, „Perspektiven einer KI-unterstützten offenen Bildungspraxis“ Ende Mai 2026 veröffentlicht. Die Untersuchung basiert auf einem explorativen Mixed-Method-Design, das quantitative und qualitative Erhebungs- und Auswertungsverfahren systematisch integriert. Befragt wurden Lehrende, Hochschulleitungen, Early Adopter sowie erfahrene Nutzer:innen von OER im deutschsprachigen Raum.
Großes Potenzial, wenig Nutzung
Die Ergebnisse bestätigen ein erhebliches Potenzial von KI-Anwendungen in der Open Education, insbesondere in Bezug auf die Effizienzsteigerung bei der OER-Entwicklung und -Aktualisierung, der Anpassung an unterschiedliche Lernbedürfnisse und die Verbesserung der Zugänglichkeit. Dieses Potenzial wird bislang noch nicht ausreichend ausgeschöpft. Die praktische Nutzung von KI im OER-Bereich beschränkt sich derzeit vor allem auf Einzelinitiativen und ihre Anwendung auf Textkorrekturen, Übersetzungen und Bildgenerierung. Anspruchsvollere Anwendungsfelder sind im deutschsprachigen Raum noch selten. Sie können beispielsweise die KI-gestützte Personalisierung von OER beinhalten, aber auch eine automatisierte Metadaten-Generierung, adaptive Lernpfade oder KI-basierte Bewertungssysteme.
Zu den weiteren zentralen Erkenntnissen der Studie zählen: Es bestehen strategische und strukturelle Lücken. Dazu gehört ein Mangel an klaren hochschulinternen strategischen Leitlinien in Bezug auf KI. Außerdem hemmen Kompetenzdefizite und Unsicherheiten die Nutzung von KI, vor allem bezogen auf das Urheberrecht und den Datenschutz. Viele Befragte fühlen sich unzureichend informiert und haben akuten Schulungsbedarf.
Empfehlungen, um das Potenzial zu erschließen
In Hinsicht auf Open Educational Resources sind die kulturellen Hemmschwellen an Hochschulen größer als die technischen Hürden. OER sind vielen „relativ unbekannt“. Wie die Ergebnisse der Befragung zudem zeigen, wird das Thema OER offenbar eher als individuelle Aufgabe der Lehrenden, als ein freiwilliges Zusatzengagement einzelner Lehrender, angesehen. Hingegen wird die KI-Nutzung vorwiegend als strategisches Thema für die gesamte Hochschule betrachtet. Insofern ist es wenig verwunderlich, dass es Einzelpersonen sind, die innerhalb der Hochschulen an der Schnittstelle von KI und OER experimentieren und die Entwicklung voranbringen.
Die in der Studie abgeleiteten Empfehlungen für die Hochschulpraxis und -entwicklung umfassen daher folgende Themen:
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1. Hochschulgovernance: Strategische Verankerung und Infrastruktur
2. Lehrplanung und Kompetenzentwicklung: Integration in die Lehrlandschaft
3. Hochschuldidaktik: Qualitätsentwicklung und Use-Cases
Zentrale Anlaufstellen, verlässliche Beratungsstrukturen sowie verbesserte Metadaten- und Infrastrukturlösungen werden als hilfreich angesehen. Sie könnten die Auffindbarkeit, Nachnutzbarkeit und Qualitätsbewertung von OER unterstützen. Zudem könnte offene Kommunikation auf allen Ebenen helfen, die vorhandenen Einzelinitiativen zu bündeln und strategisch auszurichten.
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Birgit Fingerle ist Diplom-Ökonomin und beschäftigt sich in der ZBW neben ZBW MediaTalk unter anderem mit Innovationsmanagement und ist Teil des Gleichstellungsteams. Birgit Fingerle ist auch auf LinkedIn zu finden.
Porträt, Fotograf: Northerncards©
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