LIBER Konferenz 2026: Bibliotheken zukunftsfähig machen im Spannungsfeld von Offenheit und Sicherheit

von Timo Borst, Arben Hajra, Christiane Müller, Tamara Pianos und Susanne Schmucker (ZBW)

Porträtfotos der 5 Autor:innen

Auf der LIBER-Jahreskonferenz treffen sich Vertreter:innen verschiedenster wissenschaftlicher Bibliotheken aus ganz Europa, um gemeinsam und voneinander zu lernen. Unter dem Motto “The Power of Libraries in an Uncertain World“ fand in diesem Jahr vom 01.-03. Juli die 55. Jahreskonferenz an der NTNU Universität in Trondheim, Norwegen, statt. Die Konferenz war geprägt von einer bemerkenswerten thematischen Breite. Natürlich spielte Künstliche Intelligenz eine zentrale Rolle – doch mindestens ebenso präsent waren politische Themen: Fragen der Sicherheit, die aktuelle politische Weltlage und Zensur beschäftigten die versammelte Bibliothekscommunity spürbar. Ein paar Kolleg:innen der ZBW – Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft haben dort das Programm mitgestaltet beziehungsweise an Workshops und Vorträgen teilgenommen und schildern einige Inhalte und Eindrücke im Blogpost.

Offene Lehrbücher besser auffindbar und zugänglich machen

Im Workshop 1.4 | LIBERating Metadata Flows to Improve Findability of European Open Textbooks and Exploring Tools to Improve Advocacy and Adoption der Educational Resources Working Group ging es um das Auffinden von passenden Open Educational Resources (OER), insbesondere offenen Lehrbüchern, die Verbindung von OER und KI, und schließlich um Möglichkeiten der Erfolgsmessung. Dabei stand die Frage im Mittelpunkt, über welche Nachweissysteme sich vorhandene OER besser finden lassen und welche Metadaten dafür hilfreich sind. Eine Partnerschaft mit Thoth Open Metadata wurde als eine Option diskutiert.

Im Workshop sollten die Teilnehmenden zwei unterschiedliche Nachweissysteme näher betrachten und deren Funktionalitäten bewerten. Gesammelt wurden positive und negative Aspekte sowie fehlende Funktionalitäten. Bemängelt wurde beispielsweise die mangelnde Präzision der Filterfunktionen sowie das Fehlen einer Option zur Filterung nach Lizenzen.

An der Schnittstelle von OER und KI gibt es vielfältige Aspekte zu erörtern. So können KI-Tools beispielsweise bei der Erstellung oder Übersetzung von OER helfen. Mit ihrer Hilfe lassen sich aber auch KI-Tutor:innen für OER erstellen oder passende OER finden, die kommerzielle Lehrbücher ersetzen können. Auch wenn die potenziellen Einsatzgebiete groß und vielversprechend erscheinen, zeigt sich in der Praxis bislang, dass die erhoffte Arbeitsersparnis noch nicht in vollem Umfang eintritt.

Schließlich ging es um Möglichkeiten, die Nutzung und Sichtbarkeit von OER zu messen. Als nächste Schritte plant die Arbeitsgruppe, offene Lehrbücher – auch in anderen Sprachen als Englisch – zu identifizieren, Materialien zu verbreiten, die zu einer besseren Nutzung von OER beitragen, sowie eine mögliche Partnerschaft mit Thoth zu prüfen.

KI-Zukünfte gemeinsam entwerfen und planen

Im Workshop 2.2 | Imagining and Co-creating LIBER’s AI Futures: A World Café for Futures Thinking and Strategic Priorities ging es an sechs Tischen um diese Themen: Copyright, Law & Ethics, Security & Infrastructures, AI Literacy, Applications (Why not How), Networking Within & Beyond LIBER and Dreams and Nightmares. In drei Runden á 15 Minuten sollte zunächst ein Fokus für das jeweilige Thema gefunden werden, dann eine Vertiefung zu einzelnen Themen erfolgen und Querbeziehungen hergestellt werden. Inhalt der abschließenden Diskussion war, wie das Thema im LIBER-Kontext weiter vorangetrieben werden könnte. Teils hitzige Diskussionen und großes Engagement an den Tischen kennzeichneten die einzelnen Runden. Mit Hilfe von sechs Postern wurden die wesentlichen Erkenntnisse der Tische präsentiert. Die erarbeiteten Punkte werden von der AI Task Force aufgenommen und dienen u.a. als Input für ein Positionspapier.

Vom Forschungsprojekt zum FAQ-Assistenten

Im Rahmen einer weiteren Poster-Session stellten die ZBW-Mitarbeitenden Arben Hajra und Timo Borst den Stand ihrer Chatbot-Entwicklung vor, die zwischenzeitlich auch als FAQ-Assistent (beta) in den Produktivbetrieb der ZBW Eingang gefunden hat.

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Basierend auf dem Open-Weight-Modell Nemo von Mistral sowie einem Qdrant-Vectorstore entwickelten sie in enger Zusammenarbeit mit den Informationsdiensten der ZBW einen natürlichsprachlichen Auskunftsdienst als RAG (Retrieval Augmented Generation), der sich auf die FAQ-Inhalte zu EconBiz und zur ZBW beschränkt.

Von der Struktur zur Strategie: Zukunftsfähige Teams an der UAB

Neben den oben erwähnten hochaktuellen Themen gab es auch Raum für „Klassiker”. Besonders interessant war das Panel „Leadership for the Future”, das sich der Organisationsentwicklung widmete. In diversen Vorträgen ging es darum, wie sich Bibliotheken organisatorisch und in Bezug auf ihre Angebote und Dienstleistungen zukunftsfähig aufstellen. Hier werden zwei Praxisbeispiele herausgegriffen.

Núria Casaldàliga Rojas und Anna Florensa Farré von der Universitat Autònoma de Barcelona (UAB) stellten ein vierjähriges Strategieprojekt vor, mit dem die UAB-Bibliotheken ihre Organisationsstruktur grundlegend neu ausgerichtet haben. Lange Zeit bestand das Bibliothekssystem aus sieben fachbezogenen Bibliotheken, die recht unabhängig voneinander agierten. Zentrale Dienste beschränkten sich vor allem auf die IT-Unterstützung. Ziel war es nun, diese zentrale Einheit zu stärken und das vorhandene Personal effektiver einzusetzen.

Ausgangspunkt dafür war eine detaillierte Datenerhebung und -analyse, in der untersucht wurde, welche Tätigkeiten künftig wegfallen, welche neu entstehen und wie sich diese auf Berufsprofile abbilden lassen. Auf dieser Grundlage wurde das Personal neu verteilt und teilweise weiterentwickelt, Berufsprofile wurden aktualisiert und neue Rollen für Themen wie Forschungsdatenmanagement und Nutzungserfahrungsdesign geschaffen.

Die Vortragenden schilderten offen die Schwierigkeiten und Probleme während des Prozesses – insbesondere die Phase, in der die Implementierung zunächst von der Leitung der Universität eingefroren wurde. Die vielen Rückfragen insbesondere zu diesem Aspekt haben gezeigt, dass solche Erfahrungen weit verbreitet sind und wie hilfreich es ist, wenn man diese offen teilt und sich dazu austauscht.

Jenseits der Hierarchie, diesseits der Verantwortung: Ethische Führung an der ZHAW

An der ZHAW in Zürich ist man einen anderen Weg gegangen: Gabriela Lüthi-Esposito berichtete, wie sich die Bibliothek auf eine Welt im Wandel einstellt – indem sie erstens die Menschen in den Mittelpunkt stellt, die auf die Herausforderungen reagieren müssen, und zweitens ihre Strukturen von allem befreit, was dabei nur hinderlich ist.

Inspiriert von dem Holokratie-Modell will die Organisation ohne formale Hierarchien auskommen. Stattdessen werden Rollen und Verantwortlichkeiten definiert und Entscheidungsbefugnisse weiterverteilt. Die Zusammenarbeit erfolgt in interdisziplinären Teams, die gemeinsam an einer Aufgabe arbeiten – einzelne Mitarbeitende können so mit unterschiedlichen Rollen mehreren Teams angehören. Auch in diesem Modell bleiben Führungsrollen relevant: Neben der rechtlichen Verantwortung für das Budget und Personal gestalten sie die Rahmenbedingungen und sorgen dafür, dass die Teams ihre Aufgaben effektiv erledigen können.

Auch hier wurde kritisch reflektiert und nicht verschwiegen, dass so ein tiefgreifender Veränderungsprozess viel Zeit brauche – insbesondere weil sich alle erst an die veränderten Anforderungen (etwa ein höheres Maß an Kommunikation in alle Richtungen) gewöhnen müssten. Das könne häufig zu einer Phase führen, in der sich alle überfordert fühlten, weil von allen mehr Selbstorganisation und Entscheidungsstärke verlangt werde und Teams Konflikte intern lösen sollten.

Die Zukunft der offenen Wissenschaft in einer Welt mit zunehmenden Konflikten

Einen wichtigen Impuls lieferte die Keynote von Kenneth Ruud zu Chancen und Risiken von Open Science im Spannungsfeld von Offenheit und Sicherheit. In einer zunehmend konfliktreichen Welt stehe Open Science vor neuen Herausforderungen: Wissenschaftliche Offenheit sei heute stärker denn je mit Fragen der nationalen Sicherheit verknüpft. Offene Daten könnten Fortschritt fördern, aber auch missbraucht werden. Entscheidend sei daher, den Wert der eigenen Forschung auch aus sicherheitspolitischer Perspektive zu betrachten.

Zugleich warnte Ruud vor wachsendem Druck auf das Wissenschaftssystem: von schwer überprüfbaren Studien über „Paper Mills” bis hin zu KI-gestützten Publikationen. Dennoch sei das System nicht kaputt, sondern müsse gezielt gestärkt werden. Ein weiteres Risiko liege in der wachsenden Bedeutung von Desinformation, Misinformation und „Malinformation” – also wahren, aber aus dem Kontext gerissenen oder gezielt schädigend eingesetzten Informationen. Diese beeinflussten nicht nur öffentliche Diskurse, sondern auch KI-Systeme, die auf solchen Daten trainiert werden. Gegenstrategien zeigten sich etwa in nationalen KI-Modellen auf Basis verlässlicher Daten. Ruuds Appell: Internationale Zusammenarbeit und Open Science blieben zentral, müssten aber verantwortungsvoll gestaltet werden. Gerade in geopolitisch angespannten Zeiten brauche es eine klare Trennung zwischen wissenschaftlicher Evidenz und politischer Interpretation.

Unterstützung der Datenkuratierung durch Automatisierung an der KU Leuven

Einen praxisnahen Einblick in die (teil-)automatisierte Kuratierung von Forschungsdatensets gab Dieuwertje Bloemen (KU Leuven). Im Mittelpunkt stand das 2022 gestartete Research Data Repository (RDR), das Forschende bei der Qualitätssicherung ihrer Datensätze unterstützt. Der Ansatz: standardisierte, regelbasierte Prüfungen übernehmen wiederkehrende Aufgaben wie die Validierung von Metadaten, Dateiformaten oder Lizenzangaben. Automatisiertes Feedback unterstützt Forschende bereits vor der Einreichung. Gleichzeitig bleibt die manuelle Begutachtung unverzichtbar – etwa, wenn es um die inhaltliche Verständlichkeit von Beschreibungen geht.

Bloemen machte deutlich, dass bewusst auf komplexe KI-Lösungen verzichtet wurde. Stattdessen setzt die KU Leuven auf regelbasierte Automation (Python-Skripte). Das senkt die Einstiegshürden, ist einfacher zu warten und wesentlich nachhaltiger– entscheidende Faktoren einer niedrigschwelligen Umsetzung. Die größte Herausforderung liegt weniger in der Technik als im Alltag der Forschenden: knappe Zeit, hoher Publikationsdruck und geringe Aufmerksamkeit für Datenmanagement. Die automatisierten Selbst-Checks bieten hier eine Lösung: Qualität früh im Prozess sichern, bevor die Datensätze überhaupt eingereicht werden.

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Über die Autor:innen:

Dr. Timo Borst ist Leiter der Abteilung Innovative Informationssysteme und Publikationstechnologien bei der ZBW – Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft. Er beschäftigt sich mit offenen bibliografischen Daten und Systemen, die ihrer Erzeugung, Verarbeitung, Normierung und Verknüpfung dienen. Dazu zählen sowohl die hauseigenen ZBW-Anwendungen als auch externe Datenhubs wie Wikidata. Er ist auch auf LinkedIn und ORCID zu finden.
Porträt: ZBW©

Dr. Arben Hajra ist seit 2018 an der ZBW – Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft tätig und derzeit als Senior Researcher beschäftigt. Zuvor war er mehr als 14 Jahre an der South East European University in Nordmazedonien tätig, unter anderem als Lecturer und Adjunct Assistant Professor. Er promovierte in Informatik an der Universität Kiel. Arben ist Co-Chair der LIBER Data Science in Libraries Working Group. Seine Forschungsinteressen umfassen Künstliche Intelligenz, Machine Learning, Knowledge Graphs, Information Retrieval und Datenbanken. Er ist auch auf LinkedIn zu finden.
Portrait: Arben Hajra©

Christiane Müller ist seit März 2026 Bibliotheksdirektorin an der ZBW – Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft. . Zuvor leitete sie die Bibliothek für die internationalen Stipendiat:innen des THE NEW INSTITUTE in Hamburg. Sie hat ein abgeschlossenes Jura-Studium mit dem Schwerpunkt Urheberrecht; seit Beendigung ihres Bibliotheksreferendariats im Jahr 2015 ist sie im Bibliothekswesen tätig. Sie ist auch auf LinkedIn zu finden.
Porträt, Fotograf: Sven Sindt©

Dr. Tamara Pianos studierte Geographie und Anglistik. Nach ihrer Promotion in Kanadastudien und einem Referendariat als wissenschaftliche Bibliothekarin arbeitete sie an der TIB in Hannover. Seit 2005 ist sie an der ZBW – Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft tätig, wo sie heute die Abteilung Informationsversorgung leitet. Sie ist Produktmanagerin des EconBiz-Portals und verantwortlich für Informationskompetenzthemen. Sie ist auch auf LinkedIn zu finden.
Porträt: ZBW©, Fotograf: Sven Wied

Susanne Schmucker arbeitet seit 2009 an der ZBW – Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft. Seit Oktober 2025 leitet sie den Programmbereich Bestandsentwicklung und Metadaten. Susanne Schmucker verbindet auf Basis eines wirtschaftswissenschaftlichen Studiums die Expertise in Wissensorganisation, Metadatenmanagement und Informationsdiensten mit dem Ziel, Zugang in nachhaltige Nutzbarkeit wirtschaftswissenschaftlicher Informationen zu übersetzen. Sie ist auf LinkedIn zu finden.
Porträt, Fotografin: Kaja Grope© ZBW©

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