ZKI-/DINI-Jahrestagung 2026: Rechenzentren und Bibliotheken im Schulterschluss

von Olaf Siegert (ZBW)

Vom 07. – 10. September 2026 fand die 27. Jahrestagung der DINI (Deutsche Initiative für Netzwerkinformation), einem Zusammenschluss von Bibliotheken, Medien- und Rechenzentren, statt. Dieses Jahr war die Tagung verknüpft mit der Herbsttagung der ZKI, einem Netzwerk der Rechenzentren von Universitäten, Technischen Hochschulen, Fachhochschulen und Forschungseinrichtungen in Deutschland. Über 300 Teilnehmende kamen an der RWTH Aachen unter dem Motto „Von Campus bis Cloud – souverän vernetzt” zusammen. Im Fokus stand die Frage, wie nachhaltige Informationsinfrastrukturen für die Wissenschaft gestaltet und weiterentwickelt werden können.

Die knapp 20 Vorträge sowie eine Podiumsdiskussion (hier das vollständige Programm) deckten ein breites Themenspektrum ab: von der Nationalen Forschungsinfrastruktur (NFDI ) und dem Verbund für Nationales Hochleistungsrechnen (NHR-Verbund) über resiliente Forschungsinfrastrukturen bis hin zu Open Access und wissenschaftlichem Publizieren aus internationaler Perspektive, u.a. mit Beiträgen aus Belgien und den Niederlanden. Exemplarisch für diese thematische Breite werden im Folgenden drei Vorträge sowie die Podiumsdiskussion „Gemeinsame Wege in eine digitale Souveränität“ genauer betrachtet.

Resiliente Infrastrukturen statt „Projektitis“

Im ersten Vortrag „Leistung in Verantwortung: Zu den Empfehlungen des RfII“ blickte Petra Gehring (TU Darmstadt) als ehemalige Vorsitzende des Rats für Informationsinfrastrukturen (RfII) zunächst auf dessen Geschichte: 2014 gegründet, berät er als wissenschaftspolitisches Gremium Bund und Länder zur Weiterentwicklung digitaler und wissenschaftlicher Informationsinfrastrukturen und hat seitdem zahlreiche Positionspapiere, Diskussionsimpulse und Berichte veröffentlicht. Im Zentrum des Vortrags stand das 2025 veröffentlichte Positionspapier „Leistung in Verantwortung. Zur Zukunft der wissenschaftlichen Informationsinfrastrukturen in Deutschland“. Darin plädiert der RfII für den Aufbau eines gut koordinierten, funktional integrierten Systems von Informationsinfrastrukturen für die Wissenschaft, das neben Forschungsdaten zum Beispiel auch Forschungssoftware und -hardware, Rechenleistung, Speicherkapazitäten und digitale Kompetenzen bis hin zu Fragen der digitalen Souveränität von Forschung im internationalen Maßstab umfasst. Gehring plädierte hierbei für eine Fehleranalyse der bisherigen Praxis, klare Governance-Regeln mit eindeutigen Verantwortlichkeiten von Institutionen („Ownership“) sowie transparente Verfahren zur Verstetigung oder Beendigung von Services. Sie kritisierte die „Projektitis“ – das Denken in kurzfristigen Drittmittelzyklen – und forderte stattdessen dauerhafte Finanzierung von etablierten Infrastrukturen sowie bessere Karrierewege und Vergütung für das Personal, das solche Infrastrukturen betreut. Für die Umsetzung dieser Empfehlungen sieht sie die Wissenschaftspolitik, die Forschungsförderung und die Einrichtungen, die die Infrastruktur betreiben, gleichermaßen in der Verantwortung.

Open Source Software als Antwort auf politische Abhängigkeit

Konrad Förstner (ZB MED) sprach in seinem Vortrag „Resiliente Forschungsinfrastrukturen für eine offene und digital souveräne Wissenschaft“ über die zentrale Rolle von Forschungssoftware, die in fast allen Forschungsprozessen genutzt wird. Problematisch sei, dass Services nach Auslaufen der Projektmittel oft nicht weiterbetrieben werden bzw. entwickelte Software dann nicht mehr verfügbar ist. Angebote wie das gemeinnützig betriebene Software Heritage könnten hier helfen, Software zu archivieren und zu referenzieren. Eine weitere Herausforderung sei die politische Abhängigkeit öffentlich geförderter Services und Infrastrukturen. Ein Wechsel der wissenschaftspolitischen Rahmenbedingungen könne schnell zu Engpässen bei der Bereitstellung führen. Wenn proprietäre Software von privaten Dienstleistern eingesetzt wird, könne dies vor allem dann problematisch werden, wenn Daten in forschungspolitisch heiklen Ländern liegen. Zudem entstünden hier oftmals langjährige Abhängigkeiten. Förstner plädierte daher für die Nutzung von freier Software (bzw. Open Source Software) und nannte als Good-Practice-Beispiele NFDI und EOSC. Im zweiten Teil seines Vortrags ging er auf die Rolle von Künstlicher Intelligenz (KI) in der Wissenschaft ein. Problematisch seien mangelnde Transparenz der Prozesse und die oft fehlende Reproduzierbarkeit der Forschungsergebnisse. Dies sei insbesondere in der Softwareentwicklung schwierig, wo fehlerhafter Code im Zweifel nicht ohne Weiteres angepasst werden kann. Als Fazit plädierte Förstner für einen breiten Einsatz von FLOSS (Free Libre Open Source Software), während KI nur sehr vorsichtig und kontrolliert eingesetzt werden sollte.

Open Research Europe 2.0

Michael Geuenich (DFG) stellte das Publikationsportal „Open Research Europe“ (ORE) vor, welches die EU-Kommission 2021 zunächst als kostenfreien Open-Access-Publikationsort für Veröffentlichungen aus EU-Projekten gestartet hat. Bislang haben 6300 Autor:innen aus 3000 Einrichtungen insgesamt mehr als 1500 Artikel auf ORE publiziert. Nach 5 Jahren wird ORE nun breiter aufgestellt: Insgesamt 17 Einrichtungen – vor allem nationale Forschungsförderer wie die DFG, aber auch Ministerien – beteiligen sich an der Finanzierung und der Steuerung des Service. Dieser wird zukünftig beim CERN in Genf gehostet und als Software kommt mit Open Journals System (OJS) eine Open Source Software zum Einsatz. Als Publikationsmodell dient „Publish – Review – Curate“: alle Beiträge werden dabei zunächst als Preprints veröffentlicht und erst danach begutachtet. Veröffentlicht werden kann zukünftig jeder Beitrag aus einer europäischen Wissenschaftseinrichtung, unabhängig davon, ob eine Drittmittelförderung vorliegt. Das neue ORE soll im Oktober dieses Jahres freigeschaltet werden. Die beteiligten fördernden Einrichtungen – in Deutschland etwa die DFG – kümmern sich um die Bewerbung des Service. Vom Publikum gab es die Anregung, auch die Fachkollegien der DFG in die geplante Informationskampagne miteinzubeziehen.

Digitale Souveränität als Gemeinschaftsaufgabe

Die Podiumsdiskussion „Gemeinsame Wege in eine digitale Souveränität“, moderiert von Christoph Koitka-Fieke (Hochschulforum Digitalisierung / HRK), versammelte Lars Bernhard (TU Dresden), Konrad Förstner (ZB MED / TH Köln), Petra Gehring (TU Darmstadt), Matthias Müller (IT-Center, RWTH Aachen) und Dietrich Nelle (ehem. BMBF, jetzt Strategieberater).

Diskutiert wurde unter anderem, welche Herausforderungen die Umsetzung digitaler Souveränität für Wissenschaftseinrichtungen mit sich bringt – aber auch, wie gemeinsame Ziele, abgestimmte Initiativen und geeignete Governance-Strukturen entwickelt werden können. Dabei standen Fragen nach dem Verständnis digitaler Souveränität, dem Zusammenspiel verschiedener Akteur:innen sowie dem richtigen Maß an Zentralisierung im Mittelpunkt. Zur zuvor vorgestellten NHR-Initiative wurde angemerkt, dass in Deutschland betriebene Hochleistungsrechner allein nicht für Datensouveränität ausreichten – echte Autarkie erfordere in Deutschland gefertigte Bauteile. Beim Thema Open Source Software vertrat Förstner die These, dass die breitere Einführung von Open Source vor allem an unerfahrenen Multiplikatoren scheitere. Bernhard entgegnete, dass Forschende an der TU Dresden zu über 90% Microsoft oder Apple statt freier Software nutzen würden. Gerade in den Ingenieurwissenschaften gebe es viele Verfechter:innen „stabiler“ proprietärer Lösungen. Zudem seien auch Open-Source-Lösungen nicht vor Angriffen von außen gefeit. Er plädierte aus Sicht der Hochschulen für einen pragmatisch-moderierenden Weg, zumal der Umstieg auf offene Software – wie zum Beispiel Office-Produkte – mit Transformationskosten verbunden sei, die viele Hochschulen lieber im Verbund als allein stemmen wollten.

Bzgl. des KI-Einsatzes an Hochschulen bemängelten die Podiumsteilnehmende die oft fehlende Abstimmung zwischen Einrichtungen, die zu einer Vielzahl unterschiedlicher Policies und lokaler LLM-Hosting-Lösungen geführt habe. Aufgrund der Neuheit des Themas gebe es hier wohl Unklarheiten bezüglich der Zuständigkeiten sowie eine teilweise abwartende Haltung bei Entscheidungsträger:innen. Bei der Weiterentwicklung des Themas seien auch die Fachgesellschaften gefragt.

Insgesamt drängte sich bei der ZKI-/DINI-Jahrestagung der Eindruck auf, dass die Komplexität der Herausforderungen für Rechenzentren und Bibliotheken eher zu- als abnehmen. Umso wertvoller war der gemeinsame Austausch von Leitungspersonal aus beiden Communities für tragfähige Antworten, sowohl für die eigene Einrichtung als auch für das Wissenschaftssystem insgesamt.

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Über den Autor:

Olaf Siegert leitet die Abteilung Publikationsdienste der ZBW – Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft. Er ist zudem für das Thema Open Access in verschiedenen Gremien und Netzwerken aktiv, unter anderem bei der Leibniz-Gemeinschaft, der Allianz der Wissenschaftsorganisationen und bei LIBER.
Porträt: ZBW©

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