Informationsversorgung für die Wirtschaftsforschung: KI-Agenten, offene Daten und neue Bibliotheksrollen

von Joachim Michel, Guido Scherp und Anna Wiese (ZBW)

Am 9. und 10. Juli 2026 lud die ZBW – Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft gemeinsam mit dem Verein Deutscher Bibliothekarinnen und Bibliothekare (VDB) zur Tagung „Informationsversorgung für die Wirtschaftsforschung: Zwischen Daten, Offenheit und KI” nach Kiel. Rund 60 Fachreferent:innen und Mitarbeitende wissenschaftlicher Bibliotheken aus ganz Deutschland und der Schweiz folgten der Einladung zu der etablierten Veranstaltungsreihe, die inzwischen ein breiteres Publikum erreicht. In ihrer Eröffnung betonte ZBW-Bibliotheksdirektorin Christiane Müller, wie dieser Austausch dabei helfe, die Bedürfnisse der gemeinsamen Zielgruppe besser zu treffen und beispielsweise die tägliche Beratungsarbeit in Bibliotheken zu verbessern. Sie formulierte deshalb den Anspruch, die drei Themenblöcke – KI, Open Science und Forschungsdaten – alltagsnah und im Kontext der Wirtschaftswissenschaften zu behandeln.

KI: zwischen Agentensystemen und akademischer Integrität

Den Auftakt bildete eine der derzeit am meisten diskutierten Entwicklungen überhaupt: Künstliche Intelligenz. Wie in den anderen Themenblöcken kamen in den drei Beiträgen zum Thema sehr unterschiedliche Perspektiven zu Wort.

Prof. Dr. Doris Weßels, ehemalige Professorin für Wirtschaftsinformatik, Gründerin des Kompetenzzentrums „Schreiben lehren und lernen mit KI” und Leiterin des „Zukunftslabor Generative KI” ist eine der sichtbarsten KI-Expertinnen Deutschlands im Bildungs- und Hochschulbereich. In ihrer Keynote zum Thema „KI in Wissenschaft und Forschung: Vom Status quo zur Zukunft agentischer Forschungsunterstützung” zeichnete sie nach, wie rasant sich das Feld seit dem Start von ChatGPT im Jahr 2022 von einfachen, „reagierenden“ Chatbots zu immer komplexeren „agierenden“ KI-Agentensystemen entwickelt hat.

Wie realistisch das Bild einer eigenständig forschenden KI inzwischen geworden ist, zeigte Weßels anhand einer Reihe aufsehenerregender Beispiele: Dem japanischen KI-System Sakana gelang es etwa, ein komplett KI-generiertes Paper zu veröffentlichen, das später jedoch entsprechend gekennzeichnet und zurückgezogen wurde. Eine per KI innerhalb von nur vier Tagen verfasste Dissertation wirft die Frage auf, ob es sich überhaupt noch lohnt, eine Doktorarbeit selbst zu schreiben. Auch Weßels selbst testet die Leistungsfähigkeit von KI-Agentensystemen. Im April dieses Jahres ließ sie mehrere KI-Agenten eigenständig nach Publikationen zu KI-Forschungsagentensystemen suchen, eine Einschätzung abgeben und daraus ein vollständiges Paper erstellen. Einige der entstandenen Artikel bewertete sie als „durchaus ansehnlich”.

Weßels beließ es nicht bei einer Bestandsaufnahme, sondern zeigte auch, vor welche Herausforderungen diese Entwicklung den Wissenschaftsbetrieb stellt. Auf einige davon geht sie in dieser Kolumne (PDF) ein. So könne der klassische Publikationsprozess mit dem Tempo kaum noch Schritt halten: Begutachtung und Redaktion seien auf menschliche Bearbeitungszeiten ausgelegt, nicht auf wenige Tage, in denen KI-Agentensysteme inzwischen komplette Paper produzierten. In der Folge werde die Qualitätssicherung löchriger. So könnten vermehrt nicht gekennzeichnete, KI-generierte Fake-Paper veröffentlicht werden, die beispielsweise von Paper Mills produziert und verkauft würden.

Problematisch sei außerdem der politische Bias verschiedener KI-Modelle. Übernähmen Forschende solche „Einschätzungen”, ohne sie zu hinterfragen, könnten sich Werte und Meinungen unbemerkt in vermeintlich neutrale wissenschaftliche Aussagen einschleichen.

Die Schwächung kritischen Denkens und der akademischen Integrität durch KI-Nutzung besorgt auch Henry Lange, VWL-Student an der Universität Hamburg. Er nutzt KI selbst, um seinen Workload zu managen. In seinem Vortrag (PDF) reflektierte er kritisch über deren Auswirkungen auf Studium und Studierende. Er beobachte zwei Typen an Studierenden: die einen nutzten KI, um möglichst gute Leistungen zu erzielen, die anderen, um überhaupt zu bestehen. Dass beide nur ihren Aufwand minimieren wollen, sieht Lange problematisch. Denn wer durch KI bloß Arbeit sparen will, höre irgendwann auf, eigene Positionen zu entwickeln und zu hinterfragen. Verstärkt werde dies durch KI-Modelle, die bei längerer Nutzung und falschen Prompts Ideen eher bestätigten als kritisch prüften. Zudem benachteilige KI Studierende, die sich leistungsfähigere Modelle nicht leisten könnten. Von den Universitäten wünscht sich Lange eine Vereinheitlichung der Vorgaben über KI-Nutzung. Außerdem solle „KI-Literacy” fester Bestandteil des Studiums werden. Hier liege eine wichtige neue Rolle von Bibliotheken, die zum Beispiel Kurse zu „guten Prompts für die Literaturrecherche” anbieten könnten.

Auch für Prof. Dr. Ragna Seidler-de Alwis, Professorin für Wirtschaftsinformationen und Market Intelligence an der TH Köln, ist die zunehmende KI-Nutzung in der Wissenschaft ein zweischneidiges Schwert. Durch Effizienzsteigerungen und verbesserte Datenanalyse böten KI-Tools Vorteile für die angewandte betriebswirtschaftliche Forschung – beispielsweise die Markt- und Wettbewerbsanalyse. Menschliches Fachwissen und Intuition blieben für die kritische Einordnung jedoch essentiell. Diese Fähigkeiten sieht auch Seidler-de Alwis durch zunehmende KI-Nutzung gefährdet. Sorgen bereite ihr zudem, wie hartnäckig sich oft sensationelle Fehl- und Desinformationen halten, die sich durch KI noch schneller verbreiten. Genau hier könnten wissenschaftliche Bibliotheken ansetzen, indem sie aktiv zur Widerlegung solcher Falschinformationen beitragen.

Der Tenor aller drei Beiträge in diesem Themenblock war, dass KI bleiben wird und der gewissenhafte Umgang damit nun umso entscheidender ist. Die Präsenz des Themas zeigte sich auch abseits der Bühne. In der interaktiven Session mit Flashtalks und Postern drehte sich ein Großteil der Gespräche um KI.

Open Science: Reproduktion und Replikation trotz zugangsbeschränkter Daten

Auch Open Science in den Wirtschaftswissenschaften wurde aus zwei sehr unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet. Lars Vilhuber, Data Editor bei Journals der American Economic Association (AEA), näherte sich dem Thema aus VWL-Sicht und mit Blick auf Reproduktion, also die 1:1-Wiederholbarkeit von Forschungsergebnissen. Sören Köcher, Professor für Betriebswirtschaftslehre, blickte dagegen aus BWL-Perspektive auf Replikation, bei der Forschungsergebnisse in einem veränderten Kontext überprüft werden.

In seinem Vortrag ging Vilhuber speziell auf Daten ein, die aus gutem Grund, etwa dem Datenschutz, zugangsbeschränkt seien und dadurch die Reproduktion erschwerten. Als Data Editor erlebe er dieses Problem unmittelbar: 2025 seien nur bei 38 Prozent von 384 zu begutachtenden Artikeln die zugrunde liegenden Daten frei zugänglich gewesen. Bei den übrigen 62 Prozent hätten Zugangsbeschränkungen bestanden. Daraus ergebe sich eine zentrale Frage: Wie lässt sich Reproduzierbarkeit glaubhaft nachweisen, auch wenn die Daten selbst nicht einsehbar sind? Als Lösungsansatz stellte Vilhuber vor, eine erfolgreiche Reproduktion bereits an der Quelle zu zertifizieren, durch eine vertrauenswürdige Instanz, die auch zugangsbeschränkte Daten in einem geschützten Umfeld prüfen könne. Erste Ansätze dafür gebe es bereits, etwa die Certification Agency for Scientific Code and Data (CASCaD). Am Ende bleibe jedoch ein „Transparency-Gap”, also ein fehlender Einblick in den eigentlichen Reproduktionsprozess. Genau diese Lücke soll das Forschungsprojekt TRACE (TRAnsparency CErtified) schließen. Dieses Framework soll die Nachvollziehbarkeit des Reproduktionsprozesses in jeder Phase ermöglichen, ohne den Code dafür erneut ausführen zu müssen, etwa durch lückenlose Provenance-Dokumentation.

Wie aufschlussreich Replikationen aus Sicht eines Forschenden (PDF) sein können, zeigte Sören Köcher. Er habe selbst bereits einige Replikationen durchgeführt. An konkreten Beispielen machte er deutlich, dass eine gescheiterte Replikation nicht automatisch bedeute, dass die Originalstudie falsch gewesen war. Oft zeige sie eher, dass sich ein Effekt unter veränderten Bedingungen nicht beobachten ließe. Gerade das helfe dabei, die Grenzen von Effekten besser zu verstehen. Open Science erleichtere Replikationen zwar, so Köcher, doch auch Replikationsstudien selbst sollten möglichst offen und reproduzierbar sein. Wie von Vilhuber skizziert, führten auch hier zugangsbeschränkte Daten zu Einschränkungen. Hinzu komme ein strukturelles Problem: Journals bevorzugten Neuheiten, weshalb Replikationen dort meist geringere Publikationschancen hätten.

Forschungsdaten: Transparente Wissenschaft braucht mehr als Infrastruktur

Die Frage, wie sich Vertrauen in wirtschaftswissenschaftliche Forschung schaffen lässt, wenn sich die zugrunde liegenden Daten nicht teilen lassen, zog sich auch durch den dritten Themenblock der Tagung: Forschungsdatenmanagement. Auch hier kamen unterschiedliche Perspektiven zu Wort.

Welche Rolle Forschungsdatenzentren (FDZs) dabei spielen, berichtete Philip Raatz, Forschungsdatenmanager des FDZ Ruhr, aus seiner Beratungspraxis (PDF). Er knüpfte an Vilhubers Idee einer Zertifizierung „an der Quelle” an und beschrieb, wie FDZs jenen institutionalisierten Raum schafften, den es brauche, wenn Reproduktion nicht über offen geteilte Daten möglich sei. FDZs stellten der wirtschaftswissenschaftlichen Community qualitätsgesicherte Datenprodukte bereit, reduzierten so die Kosten in der Forschungsarbeit und sicherten einen langfristigen Datenzugang, auch wenn eine direkte Veröffentlichung, etwa aus Datenschutzgründen, nicht möglich sei. Raatz berät RWI-Forschende unter anderem bei der Erstellung von „Replication Packages”, die von immer mehr bedeutenden Journals verlangt würden. Ein verbreitetes Missverständnis beträfe dabei “Open Data”: „Offen” heißt hier meist nur „kostenlos”, nicht „frei nutzbar”. Forschende sollten Nutzungsbedingungen und Lizenzen vor der Nutzung deshalb genau prüfen.

Welche Infrastruktur die Fachzeitschriften selbst bereitstellen können, um die Reproduzierbarkeitslücke zu schließen, zeigte Sven Vlaeminck. Der Forschungsdatenmanagement-Beauftragte der ZBW hat über zehn Jahre Erfahrung mit dem Aufbau und Betrieb eines publikationsbezogenen Datenarchivs (PDF). Mit dem Journal Data Archive (JDA) betreibt die ZBW eine Web-Applikation, über die Fachzeitschriften Forschungsdaten zu einem Artikel einreichen, diese mit Metadaten anreichern und mit einer DOI versehen lassen können. Vlaemincks zentrale Erkenntnis nach zehn Jahren: Policies allein reichten nicht. Sie müssten auch konsequent durchgesetzt und verpflichtend gemacht werden, um nicht folgenlos zu bleiben. Bislang fehle es an einheitlichen Standards für Daten-Policies, insbesondere für Replication Packages, ebenso wie an Anerkennung für die Publikation von Forschungsdaten als eigenständige wissenschaftliche Leistung.

Dass Infrastruktur alleine nicht reiche, unterstrichen auch Jordi Murcia Serra und Ellis Kolb von BERD@NFDI dem NFDI-Konsortium für Business Economic and Related Data angesiedelt bei der UB Mannheim. In ihrem Vortrag (PDF) kam vor allem die Ausbildungsperspektive zum Tragen: Neben einem breiten Angebot an Diensten rund um un- und semistrukturierte Forschungsdaten lege BERD besonderen Wert auf die BERD Academy. Die kostenlosen Trainings und Kurse zum Forschungsdatenmanagement sollen die Community dazu befähigen, die aufgebaute Infrastruktur auch zu nutzen.

Kooperationen: Für eine deutschlandweite kostenlose Informationsversorgung

Eine kostenlose Informationsversorgung für die Wirtschaftsforschung in Deutschland lässt sich nicht von einer Einrichtung allein stemmen. Jens Lazarus, Leiter des Bestandsmanagements der ZBW, zeigte in seinem Vortrag (PDF), wie eine breit angelegte Kooperation aussehen könnte. Als konsortialführende Einrichtung verhandele die ZBW rund 50 Konsortialverträge für fast 500 Wissenschaftseinrichtungen in Deutschland und übernehme dabei Aufgaben wie Angebotserstellung, Metadatenmanagement oder Archivierung.

Laut Lazarus stellen Open-Access-Transformationsverträge eine besondere Herausforderung dar. Als Verhandlungsführerin für das Taylor&Francis-Konsortium verhandele die ZBW derzeit die Weiterführung des Publish-and-Read-Vertrags ab 2027. Der Dialog stünde im Spannungsfeld zwischen wissenschaftspolitischem Anspruch und Verhandlungsrealität, die von den Bedarfen und finanziellen Möglichkeiten der teilnehmenden Einrichtungen bestimmt werde. Als Blaupause dienten die DEAL-Verträge, deren Weiterführung ab 2029 bereits von der DEAL-Task-Force vorbereitet werde. Lazarus verwies zudem auf die Mailingliste „Wirtheke”. Über sie könnte künftig auch die Kommunikation zu sehr spezifischen Angeboten der ZBW-Konsortien laufen, wie etwa wirtschaftswissenschaftlichen Primärdatenbanken.

Im letzten Vortrag (PDF) der Veranstaltung wurde deutlich, dass es auch bei Diamond Open Access, bei dem weder Autor:innen noch Leser:innen für eine Publikation zahlen, Kollaboration vieler Einrichtungen braucht. Ronja Kuhlwilm (ZBW) stellte Open Library Economics (OLEcon) vor, ein Konsortium aus Bibliotheken, Stiftungen und Universitäten, über das die ZBW wissenschaftsgeleitete Zeitschriften beim Publizieren in diesem Modell unterstützt. Eine Besonderheit dabei: Die Titelrechte der geförderten Zeitschriften liegen bei der wissenschaftlichen Community, nicht bei kommerziellen Verlagen. Aktuell werden so sieben Zeitschriften gefördert, finanziert durch Konsortialteilnehmende und das BMFTR. Bente Steinecke (ZBW) ordnete das Thema aus Sicht der Servicestelle Diamond Open Access (SeDOA) ein, der zentralen deutschen Anlaufstelle für Diamond Open Access. Sie wies auf eine grundsätzlichere, oft ungeklärte Frage hin: Wem gehören Titelrechte überhaupt, wenn es dazu keine klare Regelung gibt? Ein Rechtsgutachten soll hier künftig für Klarheit sorgen.

Was Christiane Müller zur Eröffnung anregte, nämlich einen Ideenaustausch darüber, was diese Entwicklungen konkret für die tägliche Arbeit in Bibliotheken bedeuten, lieferten am Ende alle vier Themenblöcke. Von KI-Literacy über Beratung zu Forschungsdatenmanagement bis zur Mitgestaltung von Open-Access-Strukturen: Die diesjährige Tagung brachte nicht nur neue Impulse für die eigene Praxis, sondern auch neue Kontakte für weiteren Austausch und Kollaborationen.

Über die Autorinnen:

Joachim Michel ist als Fachreferent in der ZBW – Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft zuständig für Monografien aus Deutschland, Indexierung von wirtschaftswissenschaftlicher Literatur und Teil der STW-Thesaurusredaktion.
Porträt: Joachim Michel©

Dr. Guido Scherp ist Leiter der Abteilung „Open-Science-Transfer” an der ZBW – Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft. Er ist auch auf LinkedIn und Mastodon zu finden.
Porträt: ZBW©, Fotograf: Sven Wied

Anna Wiese hat einen Hintergrund in VWL und Wissenschaftstheorie und ist Open Science Redakteurin in der Abteilung „Open-Science-Transfer“ an der ZBW – Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft. Dort beschäftigt sie sich insbesondere mit dem „Open Economics Guide“. Sie ist auch auf LinkedIn zu finden.
Porträt: Anna Wiese©

Foto: ZBW©

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