Wissenschaftliche Zeitschriften: Sichtbarkeit in herausfordernden Zeiten

von Thomas Jung (DIE) und Kristin Biesenbender (ZBW)

Porträts der beiden Autor:innen.

Die Zeitschrift sei in der Krise, heißt es immer wieder. Waren es vor einigen Jahren noch die fragwürdigen Geschäftsmodelle der Konzernverlage, die Digitalisierung der Workflows und die aufkommenden Repositorien, die die Fachzeitschrift und damit sowohl die Verlagsbranche als auch das öffentlich finanzierte Wissenschaftssystem in eine ökonomische Krise stürzten, so sind es heute die KI-Systeme, Paper Mills und Plattformen, die nicht nur die Flut der Manuskripte anwachsen lassen, sondern uns im Kontext von gefälschter Forschung und fragwürdiger Publikationspraxis auch dazu zwingen, Fragen nach Glaubwürdigkeit, Autorschaft und Regulierung zu stellen. Letztlich geht es um das Vertrauen in das wissenschaftliche Publikationssystem, um die Zeitschrift an sich und um die Aufmerksamkeit für die richtigen, die qualitätsgesicherten Inhalte.

Um der Zeitschrift als Medium und Forum für den Austausch von wissenschaftlichen Erkenntnissen weiterhin den ersten Platz in den Formathierarchien des akademischen Publikations- und Reputationssystems zu sichern, braucht es den Austausch unter jenen Akteur:innen, die das Produkt Zeitschrift von der ersten Konzeptidee bis zur fertigen digitalen und/oder gedruckten Ausgabe im Redaktionsalltag verantworten. So diente der diesjährige Journal Management Workshop der Leibniz-Gemeinschaft, gemeinsam von ZBW – Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft und DIE – Leibniz-Zentrum für Lebenslanges Lernen organisiert und vom 22. bis 23. Juni 2026 in den Räumen der Leibniz-Geschäftsstelle in Berlin abgehalten, einmal mehr der Orientierungssuche und der kollegialen Reflexion unter Redakteur:innen und Herausgebenden über die Zukünfte ihrer Zeitschriften zwischen Suchmaschinen, kommerzialisierten Indices, Plattformlogiken und KI-Antwortmaschinen.

Neue Infrastrukturen, neue Herausforderungen

Die Open-Access-Transformation im Wissenschaftssystem hat neue, nicht-kommerzielle Infrastrukturen geschaffen, die zunehmend auch von Zeitschriften, die von Leibniz-Einrichtungen herausgegeben werden, genutzt werden. Eine Umfrage (PDF) in der Leibniz-Gemeinschaft hat belegen können, dass zwei Drittel der von Leibniz-Instituten herausgegebenen Zeitschriften bereits im Diamond Open Access angekommen sind. Herausforderungen bestehen dennoch: Wie lassen sich solche Infrastrukturen finanzieren? Wie kann die Sichtbarkeit einer jeden Zeitschrift ausgebaut werden? Welche Möglichkeiten gibt es, die Zeitschrift auf einen für die jeweilige Disziplin relevanten Index zu bringen? Und wie kann – gerade mit Blick auf die neuen Möglichkeiten unlauterer Publikationspraktiken, die die KI-Systeme mit sich bringen – die Qualität der Inhalte gesichert werden?

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Im Rahmen der Vorstellung der wissenschaftlichen Zeitschriften Junior Management Science, Kommunikation@Gesellschaft, Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung und German Yearbook of Contemporary History wurden vielfältige Aspekte der Sichtbarmachung von Zeitschriften angesprochen. So ging es hier unter anderem um die von einer Redaktion selbstorganisierte Indexierung, um die Erfahrungen mit teils über 25 Jahren Open Access und herausgebergeführten Zeitschriften, um die Implementierung der PKP-Plattform Open Journal Systems, auf der qualitativ hochwertige Zeitschriften publiziert werden, sowie um die aufwändige Zweitverwertung von Zeitschrifteninhalten, die die Sichtbarkeit im angloamerikanischen Sprachraum erfolgreich erhöht.

Neue Reputationsmechanismen und ein Umgang mit KI gesucht

Im Fokus des Austausches in Arbeitsgruppengesprächen standen Fragen der Indexierung und der Sichtbarkeit wissenschaftlicher Zeitschriften sowie des Umgangs mit Künstlicher Intelligenz (KI) in der Redaktionsarbeit. Auch wenn die Aufnahme der eigenen Zeitschrift ins Web of Science oder Scopus nach wie vor von vielen Forschenden gefordert wird, so wird doch auch in Leibniz-Zeitschriften nach alternativen, disziplinspezifischen Messverfahren für Sichtbarkeit und innerakademische Reputationsmechanismen gesucht. Auch die Unsicherheit, wie das avisierte Lesepublikum der Zeitschrift im digitalen Raum erreicht werden kann, wurde adressiert. Schließlich wurde in nahezu allen Gesprächen in Arbeitsgruppen sowie in den Pausen das Bedürfnis der Teilnehmenden offenkundig, sich über gefühlte Verunsicherungen, aber auch über erhoffte, noch immer vage Entlastungspotenziale angesichts jüngster KI-Entwicklungen auszutauschen, die den Redaktionsalltag von der Manuskriptprüfung über den Reviewprozess bis zum Marketing zum Teil massiv verändern.

Medienwandel auch in der Wissenschaftskommunikation

Einen Ausgangspunkt für eine weiterführende medientheoretische Diskussion bot der Vortrag von Christoph Engemann (Ruhr-Universität Bochum), der anhand aktueller Entwicklungen im Bereich von KI- und plattform-basierten Technologien, unter anderem von sogenannten „Sprechzeugen“, von einer neuen „sekundären Oralität“ sprach, die die konventionelle „Formathierarchie“ von Buch, Zeitschrift und sonstigen schriftsprachlichen Medienformaten herausfordern würde. Eingedenk des Medienwandels, nicht zuletzt der Rede vom Ende der Gutenberg-Ära, darf man sich fragen, wann der mündlich performte Text den geschriebenen Text im öffentlichen Diskurs ablösen werde. Dabei ist es auch in der Wissenschaftskommunikation längst selbstverständlich, dass der gedruckte Artikel durch Podcasts, YouTube-Vorlesungen, Social-Media-Posts und KI-basierte Zusammenfassungen begleitet oder – bei jüngeren Zielgruppen – ersetzt wird.

Noch aber zählt der wissenschaftliche Artikel, der in einem referierten und indizierten Journal publiziert wurde. Und so dürfen wir von einer sich gegenseitig befruchtenden Koexistenz von wissenschaftlichen Inhalten, genutzten Medien und variierenden Darstellungsmodi auf den verschiedenen Plattformen ausgehen. Wie und mit welchen redaktionellen Kunstgriffen Sichtbarkeit – besser: Aufmerksamkeit – erzeugt und jenseits kommerzieller Zitationsindices gemessen werden kann, bleibt eine unabgeschlossene Frage, auf die in künftigen Journal Management Workshops zurückzukommen sein wird.

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Über die Autor:innen

Dr. Kristin Biesenbender ist Redaktionsleiterin Wirtschaftsdienst und Forscherin im Projekt ROARA – Repercussions of Open Access on Research Assessment an der ZBW – Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft.
Porträt: Kristin Biesenbender©

Dr. Thomas Jung ist Redakteur der Zeitschrift für Weiterbildungsforschung und Open-Beauftragter am Deutschen Institut für Erwachsenenbildung – Leibniz-Zentrum für Lebenslanges Lernen (DIE).
Porträt: Thomas Jung©

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