ZBW MediaTalk

von Claudia Sittner

Mit dem Beitrag der ZBW-Kollegin Nicole Clasen im August 2020 fing alles an: User Experience für Bibliotheken: die besten Werkzeuge und Methoden für Einsteiger. Diesen Artikel empfehle ich übrigens auch allen, die noch nicht mit UX vertraut sind. Daraufhin fand ich das Thema „User Experience in Bibliotheken“ so spannend, dass ich eine Serie von Interviewbeiträgen startete. Mit UX betraute Mitarbeitende aus Infrastruktureinrichtungen in acht europäischen Ländern sind zu Wort gekommen, von Menschen aus kleinen Spezialbibliotheken an einzelnen Fachbereichen über Nationalbibliotheken bis hin zu rein digitalen Diensten. Für Neugierige: Die Liste mit den Einrichtungen findet sich am Ende dieses Beitrags.

Die Fragen waren immer die gleichen. Bei den rein digitalen finnischen Diensten von finna haben wir sie etwas variiert. Der Zeitraum: August 2020 bis April 2022. Das bedeutet, die Corona-Pandemie funkte den Interviewpartner:innen allerorts bei ihren UX-Aktivitäten kräftig dazwischen. Dieser Betrag basiert auf den Antworten auf die letzte Interviewfrage „Was sind deine Tipps für Bibliotheken, die mit UX beginnen möchten? Was ist ein guter Startpunkt?“ und eigenen Recherchen. Er bietet einen Überblick und Ansatzpunkte für all jene, die gern mit User Experience in Bibliotheken anfangen würden, aber nicht genau wissen, wie – natürlich ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Sich beim UX-Roundtable austauschen

Im Juli 2021 haben die ZBW-Kolleginnen Alena Behrens und Nicole Clasen einen UX-Roundtable ins Leben gerufen. Dieser findet seitdem ca. viermal im Jahr online statt. Ziel ist es, sich über Institutsgrenzen hinweg im deutschsprachigen Raum über User Experience und Usability in Bibliotheken und an Hochschulen auszutauschen und dadurch Bibliotheken und Informationseinrichtungen menschenzentrierter zu gestalten. Ab 2023 wird der informelle UX-Roundtable in eine Special Interest Group (SIG) „User Experience in Bibliotheken“ beim Berufsverband Information Bibliothek (BIB) übergehen.

Die SIG richtet sich an Kolleg:innen aus öffentlichen und wissenschaftlichen Bibliotheken, aus weiteren Informationseinrichtungen sowie aus Forschung und Lehre. Von Newcomer:innen über Bibliotheks-Allrounder:innen bis zu UX-Expert:innen sind alle gern gesehen! Bei Interesse freuen sich Alena Behrens oder Nicole Clasen aus der Abteilung Benutzungsdienste der ZBW – Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft oder Sina Menzel von der Stabsstelle UX an der Universitätsbibliothek der Freien Universität Berlin über eine E-Mail.

Eine UX-Konferenz besuchen

Bibliotheksmitarbeiter:innen aus wissenschaftlichen und öffentlichen Bibliotheken aus der ganzen Welt treffen sich jedes Jahr im Sommer zu dieser interaktiven Konferenz an einem Ort in Großbritannien. „Ich habe vor ein paar Jahren an der UXLibs-Konferenz teilgenommen, und ich fand die Vorträge und Workshops unglaublich interessant und inspirierend. Sprechen Sie andere Mitarbeiter:innen an, die ähnliche Dinge tun, wie Sie es gerne tun würden. Ich habe auf der Konferenz einige Leute kennengelernt, die mir sehr geholfen haben, in Kontakt zu bleiben und Ideen auszutauschen usw.“ (Aimee Andersen, Großbritannien ). Die internationale Konferenz „User Experience in Libraries“ (#UXLibs) konzentriert sich jedes Mal auf einen bestimmten Aspekt von UX-Forschung und -Design; 2022 zum Beispiel auf „UX und Organisationskultur“, 2019 „Von der Forschung zum Design“ oder 2018 „Inklusion“.

Auch der Besuch der „International Conference on Performance Measurement in Libraries“ ist für UX-Neulinge interessant. Das Ziel der Leistungsmessung und -bewertung von Bibliotheken ist es, zu verstehen, wie gut eine Bibliothek die Bedürfnisse der Interessengruppen erfüllt, um so Verbesserungen zu erzielen. Zu den Hauptmerkmalen der Leistungsmessung von Bibliotheken gehören außerdem die aktive Nutzung qualitativer und quantitativer Daten zur Verbesserung der Dienstleistungen und des Nutzungserlebnisses sowie die Kommunikation der Ergebnisse und Resultate von Bewertungsaktivitäten.

Sich auf Websites umsehen

Andy Priestner gilt als Vorreiter auf dem Handlungsfeld UX in Bibliotheken im europäischen Raum. Neben Workshops und der jährlichen #UXLibs-Konferenz bietet seine Website hilfreiche Informationen für einen Themeneinstieg.

Auch die Website von Ned Potter ist empfehlenswert. Einsteiger:innentipp: die Ressourcenliste für UX in Bibliotheken vermittelt gut die Grundlagen.

Artikel und Studien lesen

  1. Was ist ein:e UX-Bibliothekar:in?
  2. UX in Bibliotheken: Es dreht sich alles um Inklusion!
  3. Die Präsentation „Nutzerorientierte Gestaltung von Bibliothekswebseiten“ (PDF) von Martin Blenkle bietet dank vieler Beispiele einen sehr eindrücklichen und unterhaltsamen Einstieg in die Grundprobleme, die Nutzer:innen mit Bibliothekswebsites haben. Auf die Frage „Was sind die häufigsten Probleme mit Bibliothekswebsites?“ schrieb beispielsweise eine Nutzerin auf Twitter: „Die Website ist vor allem ‚über die Bibliothek‘, obwohl die Website die Bibliothek *sein sollte*.“
  4. Users at the Center of Everything – A crash course in UX for your library von Callan Bignoli und Lauren Stara.
  5. Ethnografische Studie (PDF) der Bibliothek der Fresno Pacific University (Kalifornien, USA), allerdings von 2009. Die beiden Leitfragen der Untersuchung: Wie sieht das Studentenleben an einer öffentlichen Volluniversität im frühen 21. Jahrhundert aus? Wie könnte die Bibliothek ihre Dienstleistungen besser an die Praktiken der Studenten anpassen und gleichzeitig den Bildungsauftrag einer wissenschaftlichen Bibliothek erfüllen? Ziel war es, damit die Nutzung der Bibliothek zu erhöhen und die Nutzer:innenerfahrung zu verbessern.
  6. The Only UX Reading List Ever, allerdings nicht mit speziellem Bibliotheksbezug und zuletzt vor fünf Jahren aktualisiert.
  7. UX Myths, zum Vergnügen: sammelt die häufigsten Missverständnisse in Bezug auf die User Experience und erklärt, warum sie nicht wahr sind.

Der klassische Weg: mit Büchern ins Thema einsteigen

Wenn man in einer Bibliothek arbeitet, ist dieser Tipp vielleicht sehr offensichtlich: Aber es gibt einige Bücher, die sich besonders für den Einstieg in UX eignen.

  1. Useful, Usable, Desirable: Applying User Experience Design to Your Library von Aaron Schmidt und Amanda Etches
  2. User Experience in Libraries – Applying Ethnography and Human-Centred Design herausgegeben von Andy Priestner und Matt Borg
  3. Good Services – How to Design Services that Work von Lou Downe
  4. The Design of Everyday Things von Don Norman
  5. Rocket Surgery Made Easy – The Do-It-Yourself Guide to Finding and Fixing Usability Problems von Steve Krug. „Ich empfehle Krugs Methode für Usability-Tests sehr – sie ist einfach einzurichten, kann aus der Ferne durchgeführt werden und führt immer zu verwertbaren Erkenntnissen.“ (Kitte Dahrén, Schweden)
  6. Universal Methods of Design von Bella Martin und Bruce Hanington: Das Buch enthält Anleitungen zu 100 Forschungsmethoden, Synthese-/Analysetechniken und Forschungsergebnissen.
  7. A Handbook of User Experience Research & Design in Libraries von Andy Priestner, ist laut Kitte Dahrén (Schweden) ein Muss, ebenso wie alle Jahrbücher der #UXLibs-Konferenz, alles auf deren Website zu finden.
  8. The User Experience Team of One: A Research and Design Survival Guide von Leah Buley.
  9. User Experience in the Library (PDF), Routledge FreeBook mit diversen Ausschnitten aus anderen Büchern, eignet sich auch gut, um mal in diese reinzulesen und zu prüfen, ob sich die Anschaffung lohnt.

Mit Toolkit Design Thinking durchstarten

„Design Thinking für Bibliotheken“ bietet ein großartiges kostenloses Toolkit, das den Einstieg erleichtert. „Es ist voller praktischer Ratschläge und enthält viele bibliotheksbezogene Beispiele“, so Larissa Tijsterman von der Bibliothek der Universität Amsterdam in ihrem Interview.

Mit Newsletter zum Thema auf dem Laufenden bleiben

Dieser Tipp ist aus dem Interview mit Kitte Dahrén von der Universitätsbibliothek der schwedischen Universität für Agrarwissenschaften, an unterschiedlichen Standorten: „Die Nielsen Norman Group bietet viele nützliche Artikel und einen Newsletter an, den man abonnieren sollte.“

„Vom UX-Guru Andy Priestner gibt es ebenfalls eine Mailingliste. Dort bewirbt er auch die von ihm mitorganisierte jährliche Konferenz #UXLibs“, weiß ZBW-Kollegin Alena Behrens.

Gleichgesinnte auf Twitter finden

Das Lieblings-Social-Network der Bibliotheksszene bietet auch für das Thema User Experience einen kommunikativen Einstieg, beispielsweise über die Hashtags #uxlib, #uxlibs, #libux, #libraryux. Weitere hilfreiche Hashtags sind: #uxresearch #uxdesign #userexperience #libraries. „Für mich fing alles damit an, dass ich auf Twitter beobachtete, um zu verstehen, was in anderen Bibliotheken gemacht und angeboten wird. Dann habe ich eine Schulung bei Nathalie Clot, der Leiterin der Universitätsbibliothek Angers, besucht, um UX-Methoden zu verstehen und anzuwenden.“ (Nicolas Brunet-Mouyen, Paris).

Hier finden sich lebhafte Diskussionen über und viele Ideen zu UX in Bibliotheken. Außerdem ist der Kontakt zu den Expert:innen schnell hergestellt.

  1. Wenig überraschend: Andy Priestner: Consultant/trainer User Experience Research & Design, failure, LEGO Serious Play. Creator: @UXLibs. Book: A Handbook of UX Research & Design in Libraries.
  2. UX in Libraries: International community sharing User Experience (UX) research & design practice in libraries. Annual conference & yearbooks. UXLibs7 will take place in June 2023.
  3. WeaveUX: Journal of Library User Experience. Open access, peer-reviewed journal published by @M_Publishing and managed by a team of passionate library UXers.
  4. Nathalie Clot: University Librarian @BUAngers, Angers, France. #Antifragilista Advocacy for useful, usable and desirable libraries #Uxlibs #BUAPro, She/her.

Acht Schritte für ein erfolgreiches UX in Ihrer Bibliothek: Das sind die Tipps der europäischen Expert:innen.

Im Folgenden kommen die komprimierten und zusammengefassten Tipps zum Einsteigen in User Experience von den von uns befragten Expert:innen. Im Laufe der Interviews haben sich diese acht Schritte herauskristallisiert:

  1. Status quo ermitteln: „Beginnen Sie mit einer Bestandsaufnahme der Ziele und der Strategie der Organisation. Erfassen Sie die bestehenden Services und ermitteln Sie Engpässe, die behoben werden müssen.” (Margus Veimann, Estland)
  2. Tiefhängende Früchte pflücken: „Versuchen Sie nicht, gleich als Erstes Berge zu versetzen. Fangen Sie klein an, und am besten mit etwas, bei dem Sie den gesamten Prozess kontrollieren und auf das, was Sie lernen, reagieren können. Angenommen, Sie und Ihre Kolleg:innen streiten sich über ein Detail, lösen Sie es, indem Sie einfach Ihre Nutzer:innen fragen oder sie beobachten.“ (Kitte Dahrén, Schweden) Oder: „Beginnt mit den ‚low hanging fruits‘, also mit Problembereichen, die man bereits kennt, und Veränderungen, die sich mit relativ wenig Aufwand angehen lassen. Erste Erfolge dabei sorgen dann für die nötige Motivation weiterzumachen. Für diese Projekte genügen meist auch einfache UX-Methoden. Fortgeschrittene Techniken kann man sich dann für später aufheben.“ (Jarmo Schrader, Deutschland)
  3. Mut zum Experimentieren: „Es ist unabdingbar, zu experimentieren und bei jedem Projekt Nutzer:innenforschung und kleine Lernexperimente einzubeziehen. Dies ist ein Grundstein für die Schaffung von Services, die echten Mehrwert bieten und für unterschiedliche Benutzer:innengruppen zugänglich sind.“ (Margus Veimann, Estland)
  4. Das Management überzeugen: „Zuallererst ist es sehr wichtig, eine:n Sponsor:in zu haben, der:die Ihre Ziele unterstützt. Wenn ich von Sponsor:innen spreche, meine ich das Management. Wenn sie an die Idee glauben, sind sie auch bereit, die notwendigen Ressourcen zu investieren.“ (Jane Makke, Estland) Oder: „Um UX wirklich zu verankern, müssen Sie Ihr Management mit ins Boot holen. Mit Zeit und Geduld kann diese Arbeitsweise in Ihrem Team einen Dominoeffekt in Ihrer Organisation auslösen.“ (Kitte Dahrén, Schweden)
  5. Über den eigenen Tellerrand schauen: „Zu sehen, was andere Institutionen bereits tun, ist ein guter Ausgangspunkt. (…) Lernen Sie von denen, die vor Ihnen da waren! Wir haben gemerkt, dass die UX-Bibliothekscommunity sehr stark ist und unglaublich viel Unterstützung und Hilfe bietet. Wenn Sie Zweifel haben, wenden Sie sich an andere und stellen Sie Fragen. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass Bibliotheks-UXler:innen sich gerne unterhalten und Ratschläge und Gedanken austauschen.“ (Sinéad Beverland, Großbritannien)
  6. Rausgehen und starten:“Das eigene Kämmerlein frühzeitig zu verlassen und mit den Nutzer:innen zu interagieren, ist ein Schlüssel. Oft denken wir, dass wir alle Antworten wüssten und die beste Lösung für die Probleme der Nutzer:innen hätten, aber genau das ist in der Regel die Quelle des Scheiterns.“ (Margus Veimann, Estland)
  7. Dran bleiben: „Da sich die Bedarfe aber immer wieder ändern, ist es nicht so, dass wir irgendwann einen Zustand erreicht haben, in dem wir sagen können: Das bleibt jetzt so für die Ewigkeit.“ (Ninon Frank, Deutschland)
  8. Fehler zulassen und daraus lernen. Nur so lassen sich Erkenntnisse darüber gewinnen, was nicht funktioniert. „Seien Sie nicht zu hart zu sich selbst. Sie sind dazu bestimmt, Fehler zu machen, denn nur so können Sie neue Erkenntnisse gewinnen. Geben Sie dem Ganzen Zeit, Sie werden vielleicht nicht immer mit einem Ergebnis enden, aber Sie setzen Wellen der Veränderung in Gang, die später spürbar sein werden.“ (Larissa Tijsterman, Niederlande)

Hintergrund: Diese acht Bibliotheken haben teilgenommen

Mit UX betraute Mitarbeitende aus Infrastruktureinrichtungen in acht europäischen Ländern sind inzwischen zu Wort gekommen, von kleinen Spezialbibliotheken an einzelnen Fachbereichen über Nationalbibliotheken bis hin zu rein digitalen Diensten:

  1. Deutschland: Jarmo Schrader und Ninon Frank von der Universitätsbibliothek Hildesheim,
  2. Großbritannien: Aimee Andersen und Sinéad Beverland von den Bibliotheken der Universität Westminster,
  3. Estland: Margus Veimann und Jane Makke von der Estnischen Nationalbibliothek in Tallinn,
  4. Finnland: Riitta Peltonen und Pasi Tiisanoja von Finna, einem Paket von digitalen Diensten,
  5. Frankreich: Nicolas Brunet-Mouyen von der Bibliothek der Universität Cergy Paris,
  6. den Niederlanden: Larissa Tijsterman von der Bibliothek der Universität Amsterdam,
  7. Schweden: Kitte Dahrén von der Universitätsbibliothek der schwedischen Universität für Agrarwissenschaften, an unterschiedlichen Standorten,
  8. Slowenien: Tomaž Ulčakar von der Zentralbibliothek für Wirtschaftswissenschaften in Ljubljana.

Die gesammelten Interviews – und einige andere Beiträge zu User Experience in Bibliotheken – finden Sie hier unter dem Schlagwort User Experience.

Interviewpartner:innen gesucht!

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Über die Autorin:

Claudia Sittner studierte Journalistik und Sprachen in Hamburg und London. Sie war lange Zeit Referentin beim von der ZBW herausgegebenen Wirtschaftsdienst – Zeitschrift für Wirtschaftspolitik und ist heute Redakteurin des Blogs ZBW MediaTalk. Außerdem ist sie freiberufliche Reise-Bloggerin. Sie ist auch auf LinkedIn, Twitter und Xing zu finden.
Porträt: Claudia Sittner©

Claudia Sittner studierte Journalistik und Sprachen in Hamburg und London. Sie war lange Zeit Referentin beim von der ZBW herausgegebenen Wirtschaftsdienst – Zeitschrift für Wirtschaftspolitik und ist heute Redakteurin des Blogs ZBW MediaTalk. Außerdem ist sie freiberufliche Reise-Bloggerin. (Porträt: Claudia Sittner©)

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