ZBW MediaTalk

von Guido Scherp und Claudia Sittner

Die Open Science Conference 2020 (#OSC2020) war so ungefähr die letzte Vor-Ort-Veranstaltung, die vor dem Eintreffen der Corona-Pandemie in Europa noch in Präsenz stattfinden konnte. Seitdem wurden zahlreiche Veranstaltungen ins Digitale verlegt. So auch die Open Science Conference 2021 (#OSC2021), die dadurch fast 400 Open-Science-Expert:innen und -Enthusiast:innen aus 33 Ländern online erreichen konnte.

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Eines hat sich dabei gezeigt: Die Open-Science-Community wächst und professionalisiert sich zunehmends auf unterschiedlichen Ebenen, mit unterschiedlichen Stakeholder:innen und in verschiedenen Aspekten von Open Science. Aber es gibt weiterhin wichtige Grassroot-Bewegungen, um Impulse zu setzen und den notwendigen Wandel weiter voranzutreiben und Änderungen zu erwirken. Klaus Tochtermann als Chair der Tagung betonte in seiner Eröffnung, dass Open Science auf einem guten Weg zu einem “New Normal” der Wissenschaft sei und die Entwicklung in einem sehr hohen Tempo stattfinde. Was bei diesem breiten Themenfeld in der Community aktuell die großen Herausforderungen und Entwicklungen sind, zeigen wir in diesem Rückblick.

#OSC2021 – erste virtuelle Open Science Conference

Die Konferenz setzte sich in diesem Jahr aus diversen Vorträgen, einem Panel zu den Auswirkungen der Corona-Pandemie auf offene Praktiken, sowie einer virtuellen Poster Session mit 17 Postern zusammen. Moderiert wurde die Veranstaltung vom Wissenschaftsjournalisten David Patrician, der immer in Plauderstimmung war und nicht müde wurde, den Vortragenden einen kräftigen virtuellen Applaus zu spenden. In einer Mittagspause gab es eine Poster-Session, in der die Teilnehmenden einen Einblick in diverse Projekte und Aktivitäten bekommen haben, die die Open-Science-Praxis voranbringen. Zudem gab es erstmals zwei “Meet the speakers”-Sessions, um etwas mehr Interaktion bzw. Austausch der Speaker:innen mit den Teilnehmenden zu fördern.

Fragen zu den Vorträgen und zur Panel Session konnten über eine Art Chat gestellt werden, was intensiv von den Zuhörer:innen genutzt wurde, genauso wie die Option, besonders interessante Fragen durch Knopfdruck hochzuwählen. Die Menge an gestellten Fragen hatte sicher auch damit zu tun, dass die Hemmschwelle dafür, schriftlich eine Frage zu stellen, grundsätzlich deutlich niedriger ist, und es außerdem die Möglichkeit gab, die Frage anonym zu stellen. Besonders in der Panel-Diskussion wurden die Fragen der Teilnehmenden stark eingebunden.

Letztlich ist die Überführung einer solchen Tagung ins Digitale eine komplexe Herausforderung. Nicht nur für die Organisator:innen, sondern auch für die Beitragenden und Teilnehmenden. Nach einem Jahr Pandemie gibt es durchaus Erfahrungen, und man hat sich an das digitale Umfeld zunehmend gewöhnt. Aber es gibt viele Anbieter:innen, und so muss man sich oft mit einer komplett neuen Plattform auseinandersetzen. Ein Dank an dieser Stelle insbesondere an alle Beitragende aber auch Teilnehmende für diese Bereitschaft. Und wenn man früher hoffen musste, dass die Infrastruktur für die Anreise einwandfrei funktionierte, muss man nun auf die Stabilität der digitalen Infrastruktur hoffen. Letztlich hatte ein Schneesturm im Süden der USA Auswirkungen auf unser Programm, weil die Vortragende Lilly Winfree (Open Knowledge Foundation, USA, Großbritannien) durch einen Stromausfall ihren Vortrag nicht wie geplant halten konnte. Der Vortrag wird aber nachträglich aufgezeichnet und zur Verfügung stellt, ein Vorteil des Digitalen.

Open Science für alle: Öffnung der Wissenschaft

Ein wichtiger Aspekt von Open Science ist Inklusivität, das heißt die Öffnung der Wissenschaft gegenüber gesellschaftlichen Akteur:innen und deren Einbindung. Ein interessanter Akteur in diesem Bereich ist die UNESCO, die bis Ende 2021 die “UNESCO Recommendation on Open Science” verabschieden will. Generelles Ziel der Recommendation ist es, einen globalen Konsens zum Thema Open Science zu schaffen, aber auch die Empfehlung konkreter Maßnahmen, beispielsweise in den Bereichen Open Access und Open Data. Dahinter steht ein hochpartizipativer Prozess unter Einbindung aller Stakeholder:innen.

Ana Persic (UNESCO, Frankreich) hat in ihrem Vortrag “Building a Global Consensus on Open Science – the future UNESCO Recommendation on Open Science” einen Einblick zum aktuellen Stand der Recommendation (erster Entwurf) gegeben und dabei weitere interessante Aspekte zum Hintergrund angesprochen. Wenn es darum ginge, die Lücken bezogen auf Wissenschaft, Technologie und Innovation zwischen den verschiedenen Regionen der Welt zu schließen, habe Open Science das Potenzial, ein “gamechanger” zu sein. Es sei daher ein wichtiger Aspekt der UNESCO Recommendation, dass Open Science auch bedeute, dass weltweit alle Menschen gleichermaßen Zugang zu Open Science haben und davon profitieren können. Daher sei auch ein entsprechender Dialog wichtig. Beispielsweise mit dem sogenannten globalen Süden, um über finanzielle und technologische Nachteile zu sprechen, aber auch, um indigene Völker bzw. indigenes Wissen einzubeziehen.

Letztlich habe die Recommendation zwar keine formale Bindung, aber es finde durchaus ein Monitoring statt und die Mitgliedstaaten müssen zum Umsetzungsstand berichten. In der Neuauflage eines Entwurfs dazu soll die Wissenschaftskommunikation eine größere Rolle spielen. Und die Rolle von Open Science im Kontext von Nachhaltigkeitszielen (Sustainable Development Goals) werde stärker aufgegriffen.

Das Thema Öffnung der Wissenschaft gegenüber gesellschaftlichen Akteur:innen wurde auch in weiteren Beiträgen angesprochen. Der Bereich “Citizen Science / Community Science” befasst sich beispielsweise damit, wie die Zivilgesellschaft stärker in die Wissenschaft eingebunden werden kann. Die “Sustainable Futures Academy” bietet eine Plattform, über die sich Forschende zusammen mit verschiedenen Personen aus der Gesellschaft disziplinübergreifend zu Herausforderungen und Chancen einer nachhaltigen Zukunft auseinandersetzen.

Alina Loth (Berlin School of Public Engagement and Open Science, Deutschland) hat in ihrem Vortrag “Digital collaborations as an opportunity to strengthen engagement between various stakeholders internationally – the Sustainable Futures Academy” über die Erfahrungen und Vorteile berichtet, dieses ursprünglich auf Präsenz ausgelegte Format ins Digitale zu heben. Ihr Fazit: Es sei immer ein Wechsel von Herausforderungen und Möglichkeiten und – jedes Thema/Projekt brauche sein Set von anderen digitalen Tools zur Unterstützung.

Wichtig sei es, auch im digitalen Raum das Vertrauen mit der Zielgruppe aufzubauen, so Loth. Letztlich böten die digitalen Werkzeuge aber eine weitere Möglichkeit, den “Elfenbeinturm” der Wissenschaft zu öffnen und einen fairen Wissensaustausch zu ermöglichen. Und das unabhängig von Ort und Zeit und sehr international. Somit ist es eine zentrale “lesson learned” aus dem Projekt, neben Präsenzveranstaltungen auch auf hybride oder rein digitale Formate zu setzen. Die gesammelten Erfahrungen wurden in einem Video festgehalten.

Community wächst: Austausch und Lernen voneinander als Chance

An vielen Vorträgen der Open Science Conference sieht man, dass die Community wächst. Und oft wird auch betont, dass der Austausch der Communities miteinander wichtig ist, um Erfahrungen und Best Practices auszutauschen. Wie man von anderen Communities lernen kann, zeigte Céline Heinl (Bundesinstitut für Risikobewertung, Deutschland) in ihrem Vortrag “Preregistration – How to bring transparency into animal research”, die zugleich auch ihren ersten Vortrag im Open-Science-Kontext gehalten hat.

Letztlich habe die Community bekannte Probleme, wie nicht veröffentlichte Daten aus Tierversuchen oder ein Publikations-Bias durch einen Fokus auf positive Ergebnisse. Neben der doppelten Durchführung von Experimenten und der damit einhergehenden Mittelverschwendung sowie unzureichendem Wissenstransfer von Forschungsergebnissen in der klinischen Forschung, würden unnötige Tierversuche zudem ethischen Grundsätzen widersprechen. Orientiert an der biomedizinischen Forschung und der dortigen Präregistrierungspraxis bei klinischen Studien, wurde deshalb die “Animal Study Registry” für Studien mit Tierversuchen gestartet.

Geplante Studien können dort registriert und im weiteren Verlauf mit entsprechenden Ergebnissen, Daten und Publikationen verknüpft werden. Diese könne – ganz im Sinne von Open Science – dabei helfen, mit Transparenz und Reproduzierbarkeit die Forschungsqualität zu erhöhen und gleichermaßen den Tierschutz zu verbessern, so Heinl. Dadurch ließe sich auch ein offenerer und positiver Umgang mit Fehlern erwirken, von dem auch nachfolgende Forscher:innen stark profitieren könnten. Und dies könne auch in der Wissenschaftskommunikation aufgegriffen werden, da das Thema Tierversuche in der Öffentlichkeit immer ein sensibles Thema sei.

Best Practices für ein neues akademisches Anreizsystems

Bei der Diskussion zu Herausforderungen zur Umsetzung und zur stärkeren Verankerung von Open Science im wissenschaftlichen System wird in der Regel auch der kulturelle Wandel angesprochen. Ein Trigger, diesen Wandel zu befördern, ist dabei die Anpassung des akademischen Anreiz- und Karrieresystems. Die dazu notwendige Indikatorik ist durch die Breite der abgebildeten Open-Science-Aktivitäten und die verschiedenen Betrachtungsebenen (Einrichtung, Disziplin, einzelne Forschende, …) allerdings sehr komplex. Und es gibt mittlerweile eine Vielzahl an bestehenden Indikatoren.

Um das Thema weiter voranzutreiben, hat die Research Data Alliance (RDA) die “Open Science Rewards and Incentives Registry” gestartet, die von Hilary Hanahoe (RDA, Italien, Großbritannien) in ihrem Vortrag zu “Rewards and Incentives for Open Science: A global registry, a global collaboration” vorgestellt wurde. Die Registry ist eine öffentlich zugängliche, durchsuchbare und evidenzbasierte Online-Plattform, über die sowohl beabsichtigte Vorhaben als auch bereits gemachte Erfahrungen zu Änderungen im Belohnungs- und Bewertungssystem der Wissenschaft erfasst werden können.

Letztlich entstünde so eine community-basierte Wissensplattform mit Best-Practice-Beispielen, die das Lernen voneinander und den Wissensaustausch ermögliche, so Hanahoe. Existierende Beispiele seien demnach die “San Francisco Declaration on Research Assessment” (DORA) und entsprechende Bestrebungen in den Niederlanden.

Hanahoe betonte dabei aber, dass die Registry keine Monitoring-Plattform sei. Die Registry ist ein direktes Ergebnis der Empfehlungen der EU Open Science Policy Platform (PDF, OSPP), die in der zweiten Phase unter anderem einen Fokus auf Belohnungen und Anreize (“responsible metrics”) hatte.

Ein geeignetes Beispiel für die Registry lieferte Clifford Tatum (Leiden Universität, Niederlande) in seinem Vortrag zu “The puzzle of research evaluation: Opportunities and obstacles on the way to full Open Scholarship”, in dem er das Konzept des “Openness Profile” vorstellte. Tatum betonte in seinem Vortrag zunächst auch, das die Implementierung von top-down-getriebenen Policies auf einen umfassenden kulturellen Wandel in Verbindung mit einem etablierten Anerkennungs- und Belohnungssystem angewiesen sei. Für diesen Wandel seien jedoch auch “Bottom-Up-Initiativen” wichtig. Daher hat er gemeinsam mit mehreren Kolleg:innen das “Openness Profile” entworfen, das eine Verbindung zwischen Top-Down-Policies und Bottom-Up-Umsetzungsmöglichkeiten schaffe.

Technisch setzt das Profil auf der “Research Activity ID” (RAID) als zentralem Container sowie verschiedenen “Persistent Identifiers” (PID) auf, um strukturiert oder unstrukturiert verschiedene Open-Science-Aktivitäten zu erfassen und mit einem ORCID-Profil zu verknüpfen. Der Wunsch nach Anerkennung von Open-Science-Aktivitäten sei da, so Tatum. Dies sei auch durch Interviews, die in diesem Kontext durchgeführt wurden, bestätigt worden. Universitäten hätten dabei eine Schlüsselrolle und die Möglichkeit, den kulturellen Wandel zu forcieren. Bisher ist das “Openness Profile” lediglich ein Konzept, aber in Form eines Summits soll es mit der Community weiter diskutiert werden.

Nachhaltigkeit und Langzeitfinanzierung

Eine wesentliche Grundlage für die Durchsetzung von offenen Praktiken ist eine digitale Infrastruktur mit entsprechenden Plattformen und Werkzeugen, aber auch Support. Dort hat es in den letzten Jahren viel Bewegung und Fluktuation gegeben, was zu einer gewissen Unübersichtlichkeit geführt hat. Um offene Praktiken nachhaltig zu unterstützen, müsse auch die Infrastruktur nachhaltig sein, worauf Vanessa Proudman (SPARC Europe, Niederlande) in ihrem Vortrag “In a locked-down-world: how can we continue to support Open Science to ensure immediate digital access to research to those who need it?” hinwies.

Dies sei nach wie vor ein Problem, da beispielsweise viele Initiativen projekt-basiert mit einer temporären Finanzierung starten, beziehungsweise Förderinstitutionen eher in Innovation als in den laufenden Betrieb investieren würden. Da gäbe es die Gefahr, dass diese Initiativen wieder verschwänden oder letztlich doch kommerzialisiert würden und man sich in eine Abhängigkeit begäbe. Nicht nur die Entwicklung, sondern auch der Betrieb von Open-Science-Infrastrukturen würde schließlich Mittel beanspruchen. Um diese für einen dauerhaften Betrieb nötigen Mittel aufzubringen, benötige man nachhaltige Finanzierungsmodelle, die sehr unterschiedlich sein können.

Populäre Preprint-Server wie arXiv, MedRxiv und BioRxiv lägen beispielsweise in der Hand von etablierten Forschungseinrichtungen. Services wie das Directory of Open Access Journal (DOAJ) oder CrossRef basieren auf Mitgliedschaften und Sponsoringmodellen. Dabei wird auch die Community eingebunden, um deren Bedürfnisse zu berücksichtigen.

Laut Proudman sei dies wichtig, sodass Open-Science-Infrastrukturen in der Hand von Communities lägen und von diesen gemanagt und getragen würden. Außerdem sollten die Infrastrukturen selbst auch offen sein, beispielsweise durch die Verwendung offener Standards und Protokolle. Die Global Sustainability Coalition for Open Science Services (SCOSS) setzt sich für die Nachhaltigkeit von Open-Science-Infrastrukturen ein, indem ein Rahmen geschaffen wird, um entsprechende Kosten gemeinschaftlich zu tragen.

Bottom-Up-Impulse weiter wichtig

Schaut man auf die letzten zehn Jahre, so kann die Open-Science-Bewegung durchaus Erfolge aufzeigen. Als sogenannte “Grassroot-Bewegung” gestartet, ist Open Science auf wichtigen Entscheidungs- und Gestaltungsebenen angekommen. Nichtsdestotrotz bleibt das Bottom-Up-Engagement zahlreicher Freiwilliger weiterhin wichtig, um den kulturellen Wandel und die Umsetzung von offenen Praktiken am Laufen zu halten und neue Impulse zu setzen.

Leonhard Volz (Journal of European Psychology Students – JEPS, Universität Amsterdam, Niederlande) hat in seinem Vortrag “The Journal of European Psychology Students – A decade of student-organised scientific publishing as peer-education” mit dem “Journal of European Psychology Students” (JEPS) ein sehr anschauliches Beispiel genau dafür vorgestellt und von seinen Erfahrungen berichtet.

Das Open-Access-Journal JEPS sei 2009 gestartet und würde komplett von Studierenden betrieben. JEPS böte Bachelor- und Masterstudierenden aus der Psychologie die Möglichkeit, schon zu Studienzeiten praktische Erfahrungen im Publizieren (wissenschaftliches Schreiben sowie Review- und Editor-Tätigkeiten) zu sammeln. Und letztlich bekäme studentische Forschung dadurch mehr Sichtbarkeit und Anerkennung.

Herausfordernd seien dabei besonders die hohe Fluktuation der agierenden Personen, die Qualitätssicherung und die Gewährleistung der Nachhaltigkeit der Open-Access-Infrastruktur, so Volz. Alle Mitarbeitenden beim JEPS seien Freiwillige. Und JEPS habe sich dabei stetig weiterentwickelt und beispielsweise mit Forschungsdaten neue Anforderungen aufgegriffen. Letztlich sei JEPS eine Open-Science-Anlaufstelle für Studierende geworden und wolle die Vermittlung von offenen Praktiken weiter ausbauen.

Und aus Bottom-Up-Bewegungen können letztlich Communities entstehen. Danielle Cooper (Ithaka S+R, USA) hat sich in ihrem Vortrag mit “Data Communities: Data Sharing from the Ground Up” befasst. Data Communities seien formelle oder informelle Gruppen von Wissenschaftler:innen, die, unabhängig von disziplinären Grenzen, eine bestimmte Art von Daten miteinander teilten. Sie entstünden oft bottom-up auf Basis eines gemeinsamen Interesses und Ziels. Die “Global Initiative on Sharing All Influenza Data” (GISAID) sei ein Best-Practice-Beispiel dafür, so Cooper.

Über GISAID werden Daten rund um Influenzaviren geteilt, und im Zuge der COVID-19-Pandemie wurde die Plattform um Daten zu Coronaviren ergänzt. Laut Cooper sei es essentiell, Data Communities und Praktiken des Data Sharings zu verstehen, um frühzeitig entstehende Data Communities zu entdecken und zu unterstützen, beispielsweise durch technische und strategische Beratung zum Thema Nachhaltigkeit.

Dazu beteilige sie sich beziehungsweise die gemeinnützige Einrichtung Ithaka S+R, bei der sie arbeitet, unter anderem an entsprechenden qualitativen Studien über Forschungspraktiken, die auch mit akademischen Bibliothekspartner:innen durchgeführt würden. Demnach gibt es laut Cooper drei zentrale Eigenschaften für erfolgreiche Data Communities:

  1. Sie entstehen bottom-up.
  2. Sie haben Community-Normen entwickelt.
  3. Technische Barrieren wurden abgebaut.

Marte Sybil Kessler (Stifterverband, Deutschland) gibt in ihrem Vortrag “Generation O – scaling open practices in Higher Education / How can we help ‘open-pioneers’, ‘-innovators’ and ‘-activists’ change the Higher Education System?” Einblick in die Bestrebung, das Hochschulsystem an sich zu verändern. Die “Generation O” sind für sie dabei die Open-Pioniere, -Innovator:innen und–Aktivist:innen, prinzipiell auch eine Art Bottom-Up-Bewegung. Sie zeigt, wie diese in multidisziplinären Teams mit dem “innOsci Future Lab” Strategien, Unterstützungsstrukturen und Prozesse zur Implementierung und Skalierung offener Praktiken in der Hochschulbildung und zur Stärkung der Generation O finden. Aus dem Future Lab sind somit verschiedene Prototypen entstanden, die sich beispielsweise mit Bewertung und Messbarkeit von offenen Praktiken und zertifizierten Online-Kursen befassen.

Allerdings sei der Wandel im Hochschulsystem hin zu mehr Offenheit aufgrund seiner Komplexität und vielfältiger Abhängigkeiten ein vertracktes Problem (wicked problem). Vorankommen könne man nur durch eine umfassende Stärkung offener Praktiken und entsprechender Unterstützung, damit diese ein mächtiges Werkzeug werden, um Wissenschaft und Forschung für alle Lebensbereiche zugänglich zu machen. Eingebettet sind diese Aktvitäten im Projekt innOsci, in dem es allgemein darum geht, Open Science und Open Innovation zu verknüpfen.

Open Science in der Corona-Pandemie

Vor allem beim Panel der #OSC2021 zu “Open Science in a Time of Global Crises” spielte der Einfluss der Corona-Pandemie auf die weltweite Entwicklung von Open Science eine tragende Rolle. Moderator Klaus Tochtermann (ZBW, Deutschland) diskutierte dabei mit

Our Panel discussion is all about “Open Science in a Time of Global Crises”: Please welcome Ana Persic, Jessica Polka (@jessicapolka), Paola Masuzzo (@pcmasuzzo), Tobias Opialla (@opialla) and Klaus Tochtermann (@ktochtermann). #OSC2021

Mit den Einstiegsstatements haben die Diskussionsteilnehmenden bereits einen schönen Überblick gegeben, an welchen Stellen sie sich bzw. ihre Einrichtungen sich für offene Praktiken zur Bewältigung der Corona-Pandemie eingesetzt haben. Paola Masuzzo hat sich beispielsweise mit anderen Freiwilligen erfolgreich dafür engagiert, dass die italienische Regierung Daten zur Pandemie offenlegt. Die Öffentlichkeit müsse informiert werden, so Masuzzo. Jessica Polka berichtete davon, dass sich die Plattform ASAPbio stark für die Preprint-Kultur eingesetzt hat. An diesem Punkt kamen jedoch schnell die Probleme zur Sprache, die entstehen können, wenn die Öffentlichkeit mit nicht begutachteten Informationen aus Preprints konfrontiert wird.

Tobias Opialla engagiert sich seit dem #WirVsVirus-Hackathon der Bundesregierung mit mehreren Freiwilligen in der digitalen Plattform LabHive. Dort geht es um die Vermittlung von notwendigen Ressourcen und Expert:innen an Diagnostikzentren, um über eine Kultur des Teilens die Testkapazitäten auf SARS-CoV-2 zu verbessern. Dies schließe auch die Lücke zwischen Forschungs- und Diagnoselaboren, so Opialla. Zuletzt berichtete Ana Persic, das sich die UNESCO und die Abteilung “Division of Science Policy and Capacity-Building” (SC/PCB), in der sie arbeitet, für Offenheit in Pandemiezeiten eingesetzt hat. Beispielsweise habe es einen entsprechenden gemeinsamen Aufruf von UNESCO, der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und dem Kommissar für Menschenrechte bei den Vereinten Nationen (UN) gegeben. Und die “UNESCO Recommendation on Open Science” käme letztlich zu einem guten Zeitpunkt.

Im weiteren Verlauf wurden verschiedene Themen adressiert, was sehr stark durch eine rege Beteiligung durch Publikumsfragen geprägt war. Und es wurden Aspekte aufgegriffen, die bereits bei einigen Vorträgen thematisiert wurden. Grundsätzlich gab es einen allgemeinen Konsens, dass die Corona-Pandemie klar die Vorteile von offenen Praktiken aufgezeigt hat und auch die breite Öffentlichkeit eingebunden werden und informiert sein muss beziehungsweise möchte. Offenheit sollte die Norm sein, nicht der Ausnahmezustand während einer Krise. Und für das Gegenteil hat die Öffentlichkeit letztlich auch kein Verständnis. Kollaboration ist entscheidend, um verschiedene Akteur:innen und Communities zusammenzubringen, aber auch, um disziplinäre und regionale Unterschiede aufzugreifen. Aber am Beispiel der Preprints zeigt sich, wo noch Handlungsbedarf besteht, unter anderem im Bereich Wissenschaftskommunikation.

Grundsätzlich haben sich Preprints als hilfreich erwiesen, um schnell Erkenntnisse zu verbreiten und (öffentlich) diskutieren zu lassen. Aber das zum Teil unreflektierte beziehungsweise unwissende Aufgreifen von Preprints durch Medien und der interessierten Öffentlichkeit hat gezeigt, dass stärker erklärt werden muss, wie wissenschaftlicher Diskurs stattfindet und dass bei Preprints noch keine wissenschaftliche Begutachtung stattgefunden hat. Diese findet weitestgehend geschlossen statt, und viele Forschende sind es beispielsweise noch nicht gewohnt, öffentlich zu kommentieren.

Also gute Zeiten für Open Science. Aber dennoch ist der Kulturwandel im Wissenschaftssystem hin zu einem Open-Science-Ökosystem kein Selbstläufer. Letztlich ist das (freiwillige) Engagement einzelner weiter wichtig. Und dafür müssen Forschende Zeit investieren, was aktuell nicht angemessen im Wissenschaftssystem honoriert wird. Dazu muss sich das wissenschaftliche Anreizsystem einfach schneller bewegen, um entsprechende Praktiken noch breiter zu verankern. Panel-Moderator Klaus Tochtermann schließt die Diskussion mit der Frage, was die Diskussionsteilnehmenden in Bezug auf Open Science während der Pandemie gelernt hätten.

Paola Masuzzo: Open Science ist der einzige Weg. Die Frage ist nur, wie machen wir Open Science zur Realität?

Ana Persic: Die Corona-Krise hat einige der Herausforderungen ans Licht gebracht, die sich ergeben, wenn Dinge offen sind. Wir müssen die Zusammenarbeit zwischen allen Akteur:innen in der ganzen Welt herstellen.

Tobias Opialla: Offenheit erfordert eine Menge Vertrauen. Die Pandemie hat Open Science ins Rampenlicht gerückt. Jetzt ist es wichtig zu definieren, was gute Open Science ist.

Jessica Polka: Open Science ist während der Corona-Krise essentiell wichtig geworden. Es muss ein Prozess offener Kommunikation, Rückmeldungen und so weiter geben.

Fazit: Open Science 2021 – wohin geht die Reise?

Open Science hat weltweit an Fahrt aufgenommen, und die Corona-Pandemie hat das Tempo nochmal beschleunigt und der Entwicklung einen merklichen Schub gegeben. Dieses Potenzial gilt es weiter zu nutzen. Die Offenlegung von Forschungsdaten im Zuge der Pandemie beispielsweise zeigt, wie wichtig kollaboratives Arbeiten und Informationsaustausch zur Bewältigung von (globalen) Krisen sind. Aber es wurden auch deutlich Defizite sichtbar. Insbesondere im Bereich der Wissenschaftskommunikation zeigt sich, dass die Öffentlichkeit noch zu wenig Einblick in die Welt der Wissenschaft und deren Arbeitsweise hat. Es hat sich auch gezeigt, dass die Wissenschafts-Community bei der Vermittlung und Erklärung von Forschungsergebnissen aktiver werden muss, um das Vertrauen in die Wissenschaft und ihre Akteur:innen zu stärken.

In seinem Abschlussstatement betonte Klaus Tochtermann, dass es auch 2022 eine Open Science Conference geben werde. Wieder in Berlin, aber als hybride Veranstaltung. Dabei werde man genau schauen, welche Lehren man aus der rein digitalen Open Science Conference 2021 ziehen kann und auch, was die Bedürfnisse der Community sind. Letztlich werde man versuchen, das Beste aus beiden Welten (präsenz und online) zusammenzuführen.

Links zur Open Science Conference 2021

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