ZBW MediaTalk

von Susanne Melchior und Guido Scherp

Das diesjährige Barcamp Open Science, das vom Leibniz-Forschungsverbund Open Science organisiert wird, fand am 10. März 2020 in den Räumlichkeiten unseres Gastgebers Wikimedia Deutschland in Berlin statt. Aufgrund der ersten Auswirkungen der Covid-19-Pandemie kamen weniger Teilnehmende als üblich, am Ende konnten wir aber dennoch fünfzig hoch motivierte Personen beim diesjährigen Barcamp zusammenbringen.

Die Einführungsrunde veranschaulichte einmal mehr, wie unterschiedlich der Hintergrund der Teilnehmenden eines Barcamp Open Science ist: Von Bibliotheks- und Infrastrukturmitarbeitern, über Mitarbeiter in Open-Science-Projekten bis hin zu Wissenschaftlerinnen – alle kamen nach Berlin, um ihre Erfahrungen auszutauschen und Herausforderungen bei der Umsetzung von Open-Science-Praktiken zu diskutieren. Und mehr als einmal hörten wir einen Satz wie “das klingt interessant, wir müssen reden”. Dies unterstreicht, dass das Barcamp Open Science neben dem intensiven Informationsaustausch auch einen idealen Raum zur Vernetzung bietet.

Änderung des derzeitigen Zitations- und Anreizsystems in der Wissenschaft

Viele Sessions drehten sich um das derzeitige Anreizsystem in der Wissenschaft und wie man es ändern kann, um die Vielfalt der wissenschaftlichen Ergebnisse wirklich zu erfassen. Ein Vorschlag war die Einführung so genannter “Contributor-Listen” für Publikationen als Ersatz für “Autorenlisten”, der in einer entsprechenden Sitzung diskutiert wurde. Der Status quo der zitationsbasierten Anerkennung von Forschenden hängt hauptsächlich an den Autorenlisten einer Veröffentlichung. Doch die Forschung und die Art ihrer Ergebnisse haben sich verändert, und die traditionellen Autorenlisten eignen sich heutzutage nicht mehr, um die Anerkennung gerecht zu verteilen. “Contributor-Listen” wollen erfassen, wer bei einer Forschungsaktivität was getan hat. Im Rahmen eines Projekts in den Biowissenschaften wurde eine CRediT-Taxonomie (PDF) entwickelt, die spezifische Rollen in der Forschung beschreibt, etwa das Schreiben des Manuskripts, die Validierung der Ergebnisse und die Beschaffung der Forschungsmittel.

Ein weiteres wiederkehrendes Thema, wenn es um die Zitation wissenschaftlicher Ergebnisse geht, ist, wie Forscherinnen und Forscher für Forschungssoftware, die sie für die Analyse ihrer Daten implementieren und verwenden, Anerkennung erhalten können und wie sie diese für andere auffindbar machen können. Dieses Problem wurde in der Session zum Thema “Research software discovery” angesprochen. Hier besteht die Hauptherausforderung darin, dass Forschungssoftware oft nicht oder nur in Software-Journalen veröffentlicht wird, die in den meisten Disziplinen unüblich sind. Daher ist Forschungssoftware von anderen kaum zu finden, und es ist schwierig, für eigene Entwicklungen Anerkennung zu erhalten. Hier können Bibliotheken einen wichtigen Part einnehmen: Ihre Rolle kann in Zukunft darin bestehen, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern zu helfen, etablierte Systeme wie GitHub oder Zenodo zu nutzen, um Forschungssoftware zu veröffentlichen und auffindbar zu machen. Der letztgenannte Aspekt wurde auch in einer Session über “FAIR research software” besprochen.

Wie in den vergangenen Jahren wurde auch die Rolle von Preprints und Open Peer Review in der wissenschaftlichen Community angesprochen. In der Sitzung “Preprints and Open Peer Review” wurde ihre gegenseitige Wechselbeziehung thematisiert. Die Popularität von Preprints resultiert hauptsächlich aus der Tatsache, dass sie den Prozess der Veröffentlichung der Forschung beschleunigen. Die Session hob hervor, dass Open Peer Review dort als wertvoller Teil der Preprint-Kultur funktionieren kann, weil es Peer Review transparenter macht und den Gutachterinnen und Gutachtern Anrechnung und Anerkennung verschafft.

Unterstützung von Forschenden bei der Durchführung von Open Science

Ähnlich wie bei früheren Barcamps Open Science gab es eine ganze Reihe von Sessions, die sich mit den verschiedenen Aspekten der Unterstützung von Forscherinnen und Forschern bei der Durchführung von Open Science beschäftigten. In der Session “Mentorship and Community Building” stellten die Moderierenden vor, wie sie die niederländische Initiative “Open Science Community Utrecht” ins Leben gerufen haben.

Das Ziel dieses Projekts ist es, Open Science als neue Norm für niederländische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu etablieren. Dies geschieht durch die Verbindung verschiedener Disziplinen an einer Universität innerhalb einer Open-Science-Community, in der Forschende ihre Erfahrungen mit Open Science in praktischen Sitzungen austauschen können.

Der Bedarf an Trainingsmaterialien wurde auch in der Sitzung “Concrete steps towards FAIR data as prerequisite for Open Scholarship in the Arts and Humanities” deutlich. Dabei wurde auch die Möglichkeit diskutiert, zusätzliche Forschungsmittel als Motivation für die Ausübung von Open Science zu erhalten. In der Sitzung “Open Data Impact Award” wurde der von InnoSci geplante Open Data Impact Award vorgestellt und die Beitragenden um Anregungen für die Konkretisierung der Bewertungskriterien für den Preis gebeten. Alle waren sich einig, dass solche Preise notwendig sind, um die Sichtbarkeit offener Praktiken zu erhöhen, aber es ist zum Beispiel eine Herausforderung, den Impact zu messen, der auch von Disziplin zu Disziplin unterschiedlich ist.

Notwendigkeit des Austauschs über die Rolle der Wissenschaft als solche

Auf dem Barcamp fanden auch einige angeregtere Debatten statt. Eine davon betraf die Beziehung zwischen Wissenschaft und Politik und wurde in der Sitzung “Open Science as a political stance” behandelt. Hier unterschieden die Beitragenden klar dazwischen, ob Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler politisch oder parteiisch sind. Zwei weitere Sessions “Language Diversity in Science” und “Open Climate Change” förderten die Diskussion über die Entkolonialisierung wissenschaftlicher Erkenntnisse und die Bekämpfung des Klimawandels, zwei im Allgemeinen sehr umstrittene Themen in der Wissenschaft. Diese drei Sitzungen zeigten, dass es dringend notwendig ist, dass Forschende ihre eigene Rolle in der Gesellschaft ständig reflektieren, auch wenn es das Ideal der unabhängigen Wissenschaftlerin beziehungsweise des unabhängigen Wissenschaftlers in der Hochschulbildung gibt.

Diese Herausforderung ist in Gesellschaften, in denen so genannte „Fake News“ verbreitet werden und Populisten versuchen, wissenschaftliche Erkenntnisse zu diskreditieren, immer größer geworden.

Lernen, etwas zu bewegen

Wir haben versucht, einige der vielfältigen Themen hervorzuheben, die auf dem diesjährigen Barcamp Open Science diskutiert wurden. In der lebhaften Open-Science-Community tut sich viel, und aktuelle globale Herausforderungen wie die Corona-Pandemie zeigen, dass schnelle und glaubwürdige wissenschaftliche Ergebnisse notwendig sind und wie diese Entwicklung einen Schub für offene Praktiken, offene Innovation und Wissenschaftskommunikation gibt. Im Gegensatz zu einem praktischeren Schwerpunkt im letzten Jahr hatten wir daher mehr Diskussionen und Sitzungen rund um Open Science auf einer Metaebene. Die Open-Science-Community wartet mit vielen Lösungen auf und hat nun die Gelegenheit, das Wort zu ergreifen und alle Beteiligten im Wissenschaftssystem davon zu überzeugen, diese Lösungen flächendeckend anzuwenden und traditionelle Muster aufzulösen.

Wie immer hatten wir das Glück, dass das Team vom Open Science Radio bei unserem Barcamp anwesend war und alle Sessionmoderatorinnen und -moderatoren interviewt hat. Alle Interviews finden Sie auf den Seiten von Open Science Radio.

Weitere Informationen rund um das Barcamp Open Science:

Autoren:
Susanne Melchior | Koordinationsassistenz des Leibniz-Forschungsverbunds Open Science.
Dr. Guido Scherp | Leitung der Abteilung “Open-Science-Transfer“, ZBW, und Koordinator des Leibniz-Forschungsverbunds Open Science.

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