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Mit der Frage, ob die Personalstruktur deutscher Universitäten, ausgerichtet am Lehrstuhlprinzip, noch zeitgemäß ist, beschäftigt sich der Debattenbeitrag “Departments statt Lehrstühle: Moderne Personalstruktur für eine zukunftsfähige Wissenschaft”.

Der Beitrag wurde zur Anregung der Debatte verfasst und beinhaltet daher auch in Kommentaren die Perspektiven von 14 Personen aus Wissenschaft und Politik.

Schieflagen im Wissenschaftssystem überwinden

Die Autorinnen Jule Specht, Christian Hof, Julia Tjus, Wolfram Pernice und Ulrike Endesfelder, Mitglieder der Jungen Akademie, schlagen die Umstellung des deutschen Lehrstuhlprinzips auf eine Department-Struktur vor. Die Grundidee dabei ist eine im Vergleich zum Lehrstuhlprinzip größere, vielfältige, selbstständig forschende Professorenschaft, die dauerhaft aus Grundmitteln der Universitäten finanziert wird, neben jüngeren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern mit Tenure Track. Gleichzeitig soll demnach eine weitgehende Abschaffung des haushaltsfinanzierten, einzelnen Professorinnen und Professoren untergeordneten Mittelbaus erfolgen. Damit verbunden sehen die Autorinnen und Autoren die Chance, Schieflagen des derzeitigen Wissenschaftssystems zu überwinden und ein leistungsfähigeres und sozialverträglicheres Wissenschaftssystem zu erreichen. Zu diesen Schieflagen zählen sie unter anderem das aus der Balance geratene Verhältnis von Grund- und Drittmittelfinanzierung, das wachsende Ungleichgewicht zwischen befristet und unbefristet tätigen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern mit seinen prekären Beschäftigungsverhältnissen, die geringe Attraktivität von Karrierewegen und Stellen an Universitäten und die negativen Konsequenzen ausgeprägter Hierarchien in der Wissenschaft.

Kooperative Zusammenarbeit auf Augenhöhe

Die Department-Struktur folgt einem an nordamerikanischen, angelsächsischen und skandinavischen Universitäten verbreiteten Vorbild. Dabei teilen sich Professorinnen und Professoren grundfinanzierte Ressourcen wie Forschungsgeräte und Räume sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Technik und Verwaltung, die dem gesamten Department zugeordnet sind. Eine gelungene Department-Struktur fördert eine kooperative Zusammenarbeit der Professorinnen und Professoren auf Augenhöhe.

Zudem bietet sie jüngeren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern bereits am Anfang ihrer Karriere attraktive Arbeitsbedingungen, wie die selbstbestimmte Verwirklichung eigener Ideen in Forschung und Lehre, und ermöglicht eine realistische Aussicht auf eine langfristige Karriere in der Wissenschaft. Für etablierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bietet sie den Vorteil, von einem vielfältigen Kollegium profitieren zu können, in dem Aufgaben auf mehrere Schultern verteilt werden, und so mehr Zeit für die Kernaufgaben in Forschung und Lehre bleibt.

Innerhalb eines Departments kann so die fachliche Breite erhöht und eine dynamische Forschungslandschaft etabliert werden. Verbunden damit ist auch die Hoffnung, dass ein Kulturwandel angestoßen werden kann, und die Rolle der Professorin beziehungsweise des Professors weniger durch Managementtätigkeiten gekennzeichnet ist.

Kulturwandel und ein Mehr an Kooperation – ein Beitrag zu Open Science?

Die Autorinnen und Autoren des Debattenbeitrags versprechen sich von der Umstellung auf die Department-Struktur einen Beitrag zum Kulturwandel, ein Minus an Hierarchie bei einem gleichzeitigen Plus an Kollaboration. Dies alles sind Faktoren, die geeignet erscheinen, bestehende Barrieren für eine breite Durchsetzung von Open Science zu verringern. So steht beispielsweise im Blogpost zum kürzlich veröffentlichten Knowlegde Exchange Report

“As noted, open scholarship implies a more “open” and less hierarchical ecosystem (…)”

Knowledge Exchange report: New approach to better understand the current change towards Open Scholarship

Könnte die Umstellung vom Lehrstuhlprinzip auf die Department-Struktur damit auch einen Beitrag liefern, um sozio-kulturelle Barrieren im Wissenschaftssystem zu beseitigen, die bisweilen einer breiten Durchsetzung von Open Science im Wege stehen?
Wünschenswert erscheint es zumindest, diesen Aspekt bei der Debatte zu berücksichtigen.

Was meinen Sie, könnte Open Science von einer Umstellung auf die Department-Struktur profitieren?

<p>Birgit Fingerle ist Diplom-Ökonomin und beschäftigt sich in der ZBW unter anderem mit Innovationsmanagement, Open Innovation und Open Science.</p> <p>Birgit Fingerle holds a diploma in economics and business administration and works at ZBW, among others, in the fields innovation management, open innovation and open science.</p>

Kommentare anzeigen

  • Timo BorstTimo Borst

    Autor/in Reply

    Prinzipiell ein erfreulicher Ansatz, den die AutorInnen des Department-Modells hier, wie geschildert, vertreten. Das traditionelle, vor allem in der deutschsprachigen akademischen Welt verbreitete Modell gehört mitsamt seiner Pathologien (spät-feudale Organisationstrukturen und Abhängigkeitsverhältnisse, Delegation vor allem von Forschungsarbeiten und -leistungen, eigensinnige und wenig vernetzte sowie auch international anschlussfähige Forschung, Elfenbeinturmdenken) sicher auf den Prüfstand. Gibt es denn schon erfolgreiche Beispiele für die Einführung von Departmentstrukturen speziell an bundesdeutschen Hochschulen, so dass man die Effekte empirisch schon ein besser einschätzen kann? Die AutorInnen erwähnen in ihrem Text kurz einige Hochschulen bzw. Fakultäten, aber gibt es darüber hinaus auch umfangreichere Studien oder Evaluierungen hinsichtlich der Einführung des Department-Modells?


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