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im Interview mit Cécile Swiatek

Die Ligue des Bibliothèques Européennes de Recherche (LIBER) hat von 2018 bis 2020 die Arbeitsgruppe “Digital Skills for Library Staff & Researchers” ins Leben gerufen. Ziel der Arbeitsgruppe war es, eine offene Wissenschaftskultur voranzubringen und Bibliotheken in einer Schlüsselrolle für die Ausbildung von Open-Science-Kompetenzen zu positionieren. Die Identifizierung geeigneter Strategien, Methoden und Wirkungsweisen, um Bibliotheksmitarbeiterinnen und –mitarbeiter sowie Forschende im Bereich Open Science auszubilden, standen im Zentrum des Tätigkeitsfeldes dieser Arbeitsgruppe. Cécile Swiatek hat mit Susanne Dalsgaard-Krag (SDU, Denmark, 2019) und Ciara McCaffrey (Limerick, Ireland, 2020) die LIBER-Arbeitsgruppe mit geleitet und berichtet uns im Interview über Erfolge und Herausforderungen.

Du bist Teil der LIBER-Arbeitsgruppe “Digital Skills for Library Staff and Researchers”. Warum wurde sie gegründet?

Die Arbeitsgruppe wurde 2018 ins Leben gerufen, zwei Jahre nachdem LIBER seine Open Science Roadmap veröffentlicht hat und ganz am Anfang der aktuellen LIBER-2018-2022-Strategie “Research Libraries Powering Sustainable Knowledge in the Digital Age” (PDF) stand.

Der Zeitpunkt für die Arbeitsgruppe war perfekt: Denn 2017 veröffentlichte die entsprechende Europäische Expertengruppe ihren Bericht “Providing Researchers with the Skills and Competencies They Need to Practice Open Science”. Darüber hinaus veröffentlichte die Europäische Kommission 2019 ihr “Factsheet Open Science”, in dem es heißt: “Alle Wissenschaftler in Europa sollten über die notwendigen Fähigkeiten und die Unterstützung verfügen, um Open-Science-Forschungsroutinen und -praktiken anwenden zu können”.

Was sind die Anliegen und Ziele der Arbeitsgruppe? Was ist das Ergebnis eurer Arbeit?

Das Ziel von LIBER im Allgemeinen ist es, Forschung von Weltklasse zu ermöglichen. Das bedeutet, Bibliotheken dabei zu helfen, ihre Dienste regelmäßig neu zu bewerten und neue Dienste anzubieten, damit sie den Bedürfnissen einer sich rasch verändernden digitalen Welt gerecht werden können. In diesem Kontext und um dem Fortschritt durch Open Science und den damit verbundenen neu zu erlernenden Fähigkeiten gerecht zu werden, hat sich die LIBER-Arbeitsgruppe „Digital Skills for Library Staff and Researchers“ folgende Ziele gesetzt:

  • Die Bedeutung von Schulungsprogrammen für die Implementierung von Open Science in jeder Institution aufzuzeigen und zu zeigen, dass Bibliotheken die entscheidende Schlüsselrolle bei der Schulung von Forschenden, Bibliothekarinnen und Bibliothekaren und Mitarbeitenden in einer Institution spielen.
  • Den Austausch von nützlichen Materialien, bewährten Verfahren, Anwendungsfällen und die Förderung von Diskussionen über europäische Bibliotheksausbildungs- und Forschungsunterstützungsdienste zu ermöglichen.
  • Wir haben unsere Ergebnisse offen veröffentlicht, kostenlose Webinare veranstaltet und an Open-Science-Veranstaltungen teilgenommen. Natürlich ist alles online unter CC-BY-Lizenz kostenlos und offen, und alle nützlichen Materialien werden zur Verfügung gestellt. Eine Liste mit unseren Materialien und weiterführenden Links findet sich unter diesem Interview.

Warum sind Bibliotheken so gut dazu geeignet, eine offenere Kultur zu verbreiten und eine Schlüsselrolle bei der Ausbildung von Open-Science-Fähigkeiten für das komplexe und offene Wissenschaftssystem der Zukunft einzunehmen?

Das Erlernen entsprechender Fähigkeiten ist Teil der umfassenden Open-Science-Umsetzungsstrategie von Bibliotheken. Bibliotheksteams sind gut darin, das Open-Science-Training für Forschende und Mitarbeitende zu koordinieren, denn sie verwalten seit Jahrhunderten akademische Wissensfragen.

Sowohl die Auswertung der LIBER-Umfrage zu “Open Science Training Methods and Practices Across European Research Libraries” als auch diverse Anwendungsfälle belegen dabei die Expertenrolle von Bibliotheken in diesen Bereichen:

  • als Ausbildende für Open-Science-Fähigkeiten,
  • als Anbietende von Unterstützungsdiensten für Open-Access-Publikationen,
  • als FAIRe Datenverwalter,
  • als Citizen-Science-Vermittler.

Bibliotheken wissen außerdem, wie man Schulungsprogramme plant, und verfügen über nachgewiesene Führungs-, Management- und pädagogische Fähigkeiten. Sie sind mit Open Science vertraut, sie leiten und verwalten Unterstützungsdienste für die Offene Forschung (Open Research) und arbeiten problemlos mit Forschenden und Expertinnen und Experten zusammen. Sie beschäftigen oft die institutionellen Open-Knowledge- oder Common-Knowledge-Manager, Datenspezialistinnen und -spezialisten und bieten die OpenAIRE´s National Open Access Desks an. Die Ausbildung von Open-Science-Fähigkeiten und Informationskompetenzen und -praktiken ist daher klar die Aufgabe von Bibliotheken.

In den letzten zwei Jahren hat eure Arbeitsgruppe Gespräche mit Bibliotheken in ganz Europa geführt. Was waren daraus die interessantesten Erkenntnisse?

  • Fähigkeiten sind Teil einer allgemeinen Open-Science-Umsetzungsstrategie.
  • Bibliotheksteams sind gut darin, die Open-Science-Ausbildung für Forschende und Mitarbeitende zu koordinieren.
  • Menschen in eine Gemeinschaft einzubinden bedeutet, ihnen zu vertrauen und Ideen einen Raum zu geben, in dem sie wachsen können.
  • Der Austausch von Wissen und Fähigkeiten ist erstaunlich effizient, um eine lebendige und innovative Gemeinschaft aufzubauen.

Und eines dürfen wir nicht vergessen: Wenn wir wirklich jede europäische Bibliothek mit einem Open-Science-Fähigkeitstraining ins Boot holen wollen, ist es sehr wichtig, dass wir Netzwerke aufbauen und unser Trainingsmaterial offen teilen. Dies gilt sowohl für die Ausbildung der Benutzerinnen und Benutzer als auch für die Ausbildung der Ausbilderinnen und Ausbilder.

Die Arbeitsgruppe hat eine Reihe von Open-Science-Fähigkeiten identifiziert. An welchen dieser Fähigkeiten muss das Bibliothekspersonal in den kommenden Jahren am meisten arbeiten? Wie kann dies erreicht werden?

Die Arbeitsgruppe hat festgestellt:

“Das Spektrum an Wissen, Fertigkeiten und Kompetenzen, die für die effektive Ausübung von Open Science (OS) erforderlich sind, kann für viele Bibliothekare/Bibliothekarinnen und Forscher/Forscherinnen, insbesondere für diejenigen, die mit den Konzepten und Praktiken von OS noch nicht vertraut sind, entmutigend sein.“

Deshalb haben wir ein Visualisierungsdiagramm entworfen, um Einstiegspunkte in Open-Science-Fähigkeiten zu bieten und beim Aufbau eines Ausbildungsweges zu helfen.

Visualisierungsdiagramm “Identifying Open Science Skills for Library Staff & Researchers”

Aus dem Diagramm der “visualisierten Open-Science-Fähigkeiten”, das sich um fünf Schwerpunktbereiche der “LIBER Open Science Roadmap” dreht (wissenschaftliche Publikationsfähigkeiten, FAIR-Datentraining, Metrik & Belohnungen, Forschungsintegrität, Bürgerwissenschaft), lassen sich einige hervorheben, die in Zukunft besonders wichtig werden:

  • Fähigkeiten in den Bereichen wissenschaftliches Publizieren, offenes Peer-Reviewing und Fähigkeiten zur Durchsetzung von FAIRen Daten werden massiv zunehmen, insbesondere mit der Eröffnung von “Open Research Europe”, der Publikationsplattform der Europäischen Kommission für offene Forschung im Jahr 2021.
  • Ethische Prioritäten werden schnell folgen, zusammen mit den Themen Verantwortungsvolle Forschung & Innovation (Responsible Research & Innovation – RRI) und Citizen Science.
  • Offene Bildung (Open Education) ist ebenfalls ein immer wichtiger werdendes Thema, das seinen Platz in den Strategien einnehmen wird. Open-Science-Fähigkeiten werden wahrscheinlich eines der Hauptthemen sein.
  • Themen der nachhaltigen Entwicklung (Sustainability) werden wahrscheinlich dann das nächste große Thema sein.

Für diejenigen, für die Open Science neu ist, wird die oberste Priorität sein, zu definieren, wohin sie gehen sollen: Der erste Schritt besteht darin, eine Strategie festzulegen und Unterstützungsdienste für Open Access / Open Science zu schaffen. Themen, die mit der Karriere von Forschenden zusammenhängen, wie wissenschaftliche Publikationsfähigkeiten und FAIRe Daten, sind ebenfalls ein guter Einstieg.

Zwei der von uns festgestellten Haupthindernisse für die OS-Ausbildung sind: mangelnder Wille (kein Budget, keine Anreize, keine Belohnungen für Ausbilderinnen und Ausbilder oder Auszubildende) oder ein Mangel an spezialisierten Ausbilderinnen und Ausbildern im Land und/oder eine Sprachbarriere, um über den allerersten Open-Access-Schritt hinauszugehen.

Eine der – sagen wir mal – Visionen der Arbeitsgruppe ist ein institutionelles, lebenslanges Open-Science-Ausbildungsprogramm für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in einem Forschungszentrum oder in einer Hochschuleinrichtung. Wie kann das erreicht werden?

Lass mich die Auswertung der LIBER-Umfrage zu „Open Science Training Methods and Practices Across European Research Libraries“ zitieren (Seite 11):

  1. Identifizieren Sie die Open-Science-Prioritäten Ihrer Institution.
  2. Identifizieren Sie Ihre Zielgruppe und ihre spezifischen Bedürfnisse in Bezug auf digitale Fähigkeiten und Open Science.
  3. Reflektieren Sie über die von Ihnen identifizierten Bedürfnisse, um Ihre Strategie zu entwickeln.
  4. Bedenken Sie folgende Fragen: Wie können Sie Missverständnisse und Ängste in Bezug auf Open Science und die Schwierigkeiten, die im Prozess des Erwerbs digitaler Fähigkeiten auftreten können, ausräumen? Wie können Sie Forschende dazu bringen, Bibliotheksdienste als integralen Bestandteil ihrer Forschungsaktivitäten zu nutzen?
  5. Priorisieren Sie die Fähigkeiten, die Ihre Zielgruppe erwerben muss, wenn Sie die Ausbildungsprogramme aufbauen: Forschende, Bibliothekarinnen und Bibliothekare, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.
  6. Arbeiten Sie nicht allein. Sie müssen einen regelmäßigen und konstanten Dialog mit dem Vorstand und den anderen zentralen Abteilungen Ihrer Institution (IT, Berufsausbildung) aufbauen; außerdem müssen Sie Brücken zwischen den Abteilungen und Disziplinen bauen.
  7. Nutzen Sie verschiedene Kanäle und Lerntypen (Face-to-Face, Selbsttraining sowie Gruppen- oder Gamification-Aktivitäten).
  8. Legen Sie ein Budget fest, das die Kosten für Personal, Ausbildung des Ausbilders/der Ausbilderin und Veranstaltungen umfasst.

Wenn eine Forschungsbibliothek damit anfangen möchte, ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Hinblick auf Open Science zu schulen, was können erste, sinnvolle Schritte sein? Was sind die Herausforderungen?

In der Auswertung der LIBER-Umfrage zu „Open Science Training Methods and Practices Across European Research Libraries“ (Seite 12) konnten wir sechs große Herausforderungen beim Aufbau einer Open-Science-Ausbildungsinitiative identifizieren:

  1. die Ausbildungsprogramme in die allgemeine Open-Science-Implementierungsstrategie der Organisation miteinzubeziehen,
  2. die Hauptakteurinnen und -akteure des Open-Science-Ausbildungsprogramms zu identifizieren,
  3. klug Personal zu rekrutieren,
  4. eine große Auswahl an Schulungen zu verwalten,
  5. die Zielgruppe zu erreichen,
  6. zu akzeptieren, dass kulturelle Veränderungen Zeit brauchen.

Weiterführendes Material der LIBER-Arbeitsgruppe:

Die LIBER-Arbeitsgruppe “Digital Skills for Library Staff & Researchers” stellt das von ihr erarbeitete Material offen zur Verfügung und schafft eine Open-Science-Arbeitsumgebung. Dazu gehören das Visualisierungsdiagramm der Open-Science-Fähigkeiten, eine Zotero-Referenzbibliothek zu digitalen Fähigkeiten, 21 veröffentlichte Interviews zur Praxis von Open-Science-Ausbildung in ganz Europa, eine Analyse dieser Fälle, die Herausforderungen hervorhebt und Schlüsselbotschaften der Befragten enthält, sowie ergänzende Anwendungsfälle und Rückmeldungen aus Workshops und Webinaren. Alle Dokumente sind online, offen und frei zugänglich.

Das Konferenzpost von LIBER “Digital Skills for Library Staff and Researchers” auf der Open Science Conference 2020.

Publikationen

Workshops

Webinare

Unsere Fragen wurden von Cécile Swiatek beantwortet.

Cécile Swiatek (ORCiD) beschäftigt sich mit Fragen der Pädagogik, zu digitalen Innovationen in Hochschuleinrichtungen und der entsprechenden Fähigkeiten. Seit 2011 engagiert sie sich aktiv bei LIBER, ist seit 2020 Mitglied des LIBER-Vorstands und leitete von 2008 – 2020 die LIBER-Arbeitsgruppe “Digital Skills for Library Staff and Researchers”.

Sie leistet einen wichtigen Beitrag zu den LIBER Leadership Journées für Bibliotheksdirektorinnen und -direktoren und ist stellvertretende Direktorin an der akademischen Bibliothek Paris II (Bibliothèque de l’université Paris II Pantheón-Assas), in der sie für Bibliotheksdienste und die Bewertung von Ressourcen sowie für professionelle und Benutzerschulungsdienste zuständig ist. Cécile Swiatek ist Generalsekretärin des französischen nationalen Verbandes der Direktorinnen und Direktoren und leitenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Universitäts- und Forschungsbibliotheken (l’Association des directeurs et personnels de direction des bibliothèques universitaires et de la documentation (Französisch) – ADBU).

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