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Ein Interview mit Ari J. Asmi

Ari J. Asmi ist Koordinator für Forschungsinfrastrukturen an der Fakultät für Naturwissenschaften der Universität Helsinki, einer multidisziplinären Fakultät. Dort hat er den Prozess begleitet, mit allen Beteiligten für die mittelgroße wissenschaftsorientierte Universitätsfakultät gemeinsame und praktikable Open-Science-Richtlinien zu entwickeln. Herausgekommen sind sieben Empfehlungen, die er bereits auf der Open Science Conference 2021 in einer Poster-Präsentation vorgestellt hat.

Poster “Seven Recommendations”, Open Science Conference 2021.

Im Interview berichtet er, wie es zu den Empfehlungen kam, warum es so wichtig ist, auch Open-Science-Skeptiker dabei zu haben, was die größten Herausforderungen bei der Entwicklung und Umsetzung waren und noch sind und was er anderen raten würde, die selbst gern passende Empfehlungen für eine offenere Wissenschaftspraxis an ihrer eigenen Fakultät schaffen würden.

Ari, du hast den Prozess der Entwicklung einer gemeinsamen Open-Science-Politik an der naturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Helsinki begleitet. Was war das Ergebnis dieses Prozesses?

Mit Hilfe des Dekans und der Fakultätsverwaltung haben wir eine Arbeitsgruppe gebildet. Dieser Gruppe gehörten Vertreter:innen aus allen Abteilungen der naturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Helsinki an. Uns war wichtig, dass ihr nicht nur “Open-Science-Befürworter:innen” angehörten, sondern vor allem „normale“ Wissenschaftler:innen und Forschungskoordinator:innen aus unterschiedlichen Abteilungen. Wir waren uns einig, dass die Open-Science-Empfehlungen leicht umsetzbar sein sollten, mit einem relativ kurzen Zeitrahmen (von Monaten bis zu einigen Jahren), nicht ressourcenintensiv und vor allem akzeptabel für die wissenschaftliche Community der Fakultät. Dies führte zu einem angemessenen Anspruchsniveau für die Empfehlungen, was wiederum zu ihrer Akzeptanz an der Fakultät beitrug. Wir einigten uns auf sieben Schlüsselempfehlungen:

  1. Festlegung der allgemeinen Fakultätspolitik für wissenschaftliche Produkte: “so offen wie möglich, so geschlossen wie nötig”.
  2. Wertschätzung von Open-Science-Produkten in den jährlichen Entwicklungsgesprächen des Personals.
  3. Berücksichtigung von Open-Science-Produkten bei der Bewertung von Referaten, Abteilungen und Tenure Tracks.
  4. Auflistung von Open-Science-Produkten bei der Einstellung verlangen.
  5. Schaffung einer kurzen, klaren und gut dokumentierten Wissensbasis über bewährte Praktiken im Bereich Open Science an der Fakultät.
  6. Organisation von strukturierten Mitarbeiter:innenschulungen zu bewährten Verfahren, Förderung der gegenseitigen Unterstützung und der Open-Science-Kultur an der Fakultät.
  7. Entwicklung von Open-Science-Inhalten für die Lehrpläne der MSc- und Doktorandenprogramme.

Wir waren uns einig, dass die Open-Science-Empfehlungen leicht umsetzbar sein sollten, mit einem relativ kurzen Zeitrahmen (von Monaten bis zu einigen Jahren), nicht ressourcenintensiv und vor allem akzeptabel für die wissenschaftliche Community der Fakultät.
– Ari J. Asmi

Die erste Empfehlung ist eher eine Feststellung, die zweite bis vierte beziehen sich auf eine langfristige Veränderung der internen wissenschaftlichen Bewertung in Richtung Offenheit, die fünfte und sechste auf die Unterstützung des Fakultätspersonals bei der Anpassung an Open Science und die siebte auf zukünftige Generationen. Eine ausführlichere Version der Empfehlungen finden sich in diesem Dokument: Open-Science-Empfehlungen für die naturwissenschaftliche Fakultät der Universität Helsinki.

Open-Science-Empfehlungen für die naturwissenschaftliche Fakultät der Universität Helsinki.

Ein zentraler Punkt war auch, immer eine ganzheitliche Sicht auf wissenschaftliche Endprodukte zu suchen, nicht nur auf wissenschaftliche Zeitschriftenartikel. Dazu gehören dann z. B. Software, Datensätze, Lehrmaterial usw. Ein weiterer wichtiger Punkt für uns war, keinen Wertunterschied zwischen offenen/geschlossenen wissenschaftlichen Produkten vorzuschreiben, sondern stattdessen die Offenheit aller Aktivitäten zu betonen und bei Bedarf um eine Rechtfertigung der geschlossenen Produkte zu bitten.

(Wie) Habt ihr die sieben Empfehlungen praktisch in die Fakultät implementiert?

Die Empfehlungen wurden im Fakultätsrat und vom Dekan mit Begeisterung aufgenommen, was die Einbeziehung der Entwicklungsdiskussion und der Änderungen bei der Personaleinstellung im Prinzip leicht machte. Es handelte sich jedoch um Fakultätsbeschlüsse, sodass ich nicht sicher bin, wie gut sie von den Verwaltungen der Abteilungen bereits umgesetzt wurden.

Die Wissensdatenbank ist eindeutig aufwändiger, und selbst mit einem gewissen Maß an Ressourcen ist sie sehr davon abhängig, dass in jeder Abteilung (und sogar in einzelnen Gruppen) geeignete Kontaktstellen gefunden werden, die Informationen über bereichsspezifische Repositorien, Zeitschriften usw. bereitstellen. Ich persönlich versuche jetzt, halbfreiwillige Mitarbeiter:innen für diese Aufgabe zu gewinnen. Der Ausbildungsteil hängt ziemlich stark von der Wissensbasis ab, und die Aufnahme neuer Open-Science-Kurse in die Lehrpläne wird höchstwahrscheinlich in der nächsten Runde der Entwicklung von MSc- und PhD-Programmen erfolgen.

Was waren eure größten Herausforderungen? Was die größten Bedenken von der Fakultätsleitung und den Forschenden? Wie konntet ihr sie überwinden und die betroffenen Personen überzeugen?

Das Hauptproblem war die Zeit- und Ressourcenbeschränkung der Forscher:innen. Den Forschenden wird bereits eine Menge “zusätzlicher” Arbeit aufgebürdet, da das Verwaltungspersonal reduziert wurde, und einige für Open Science relevante Aufgaben (z. B. Datenmanagementpläne) werden von einigen Forscher:innen als zusätzliche Belastung empfunden. Dies spiegelte sich in gewisser Weise in der Reaktion auf den Plan und in der Art und Weise, wie wir ihn entwickelt haben, wider. Die Idee einer gemeinsamen Wissensbasis war eine direkte Reaktion auf die Idee, die für diese Aufgaben benötigte Zeit zu reduzieren. Außerdem wurde befürchtet, dass sich die Art und Weise, wie Forschung und Forschende bewertet werden, zu schnell ändert und die Karriereplanung dadurch erschwert wird. Diesem Wunsch wurde dadurch entsprochen, dass ein spezifischer Wert für Open-Science-Produkte im Vergleich zu traditionellen Bewertungskriterien ausdrücklich vermieden wurde.

Inwiefern waren und sind Bibliotheken in diesen Prozess involviert?

Wir hatten einige Male Kontakt mit der Universitätsbibliothek, und ich stehe persönlich eng in Kontakt mit einigen aus ihrem Open-Science-Team. Die Empfehlungen selbst wurden nicht in enger Zusammenarbeit mit ihnen evaluiert, aber ihre Dienste sind natürlich äußerst wichtig für die Wissensbasis, die Schulungen und möglicherweise sogar für den beruflichen Aufstieg im Anschluss an die Veröffentlichung von Open-Science-Produkten.

Was sind deine Tipps für andere Fakultäten, die diese Prinzipien gerne verankern und praktisch umsetzen möchten?

Ein wichtiger Teil war es, eine Arbeitsgruppe zu haben, in der neben Open-Science-Enthusiast:innen auch genügend Skeptiker:innen vertreten sind. Es ist leicht, mit sehr idealistischen Ansätzen aufzuwarten, die dann nicht umgesetzt werden können. Ehrgeiz ist gut, aber ein realistischer, kurz- bis mittelfristiger Zeitrahmen und minimaler Ressourcenbedarf haben sich zumindest bei uns bewährt. Unterstützung von oben (Fakultätsdekan und Universitätsstrategie) ist wichtig, aber diese Entwicklungen müssen auch von unten unterstützt werden – daher ist die Diversität eine hervorragende Ergänzung.

Wir sprachen mit Ari J. Asmi. Dieser Text ist eine Übersetzung aus dem Englischen.

Dieser Artikel ist aus der Open Science Conference 2021 hervorgegangen. Die nächste internationale Open Science Conference (#OSC2022) wird am 8. und 9. März 2022 stattfinden. Aktuelle Informationen finden sich auf der Konferenzwebsite.

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  • Contributed by

    Ari J. Asmi ist Koordinator für Forschungsinfrastrukturen an der Fakultät für Naturwissenschaften der Universität Helsinki. Die meisten seiner Projekte befassen sich mit der Schaffung interoperabler Umweltforschungsinfrastrukturen in Europa und der Entwicklung der European Open Science Cloud. Er ist ein aktives Mitglied der Research Data Alliance und anderer Open-Science-Gemeinschaften.

    Porträt: Ari J. Asmi©

    Ari J. Asmi ist Koordinator für Forschungsinfrastrukturen an der Fakultät für Naturwissenschaften der Universität Helsinki. Die meisten seiner Projekte befassen sich mit der Schaffung interoperabler Umweltforschungsinfrastrukturen in Europa und der Entwicklung der European Open Science Cloud. Er ist ein aktives Mitglied der Research Data Alliance und anderer Open-Science-Gemeinschaften. Porträt: Ari J. Asmi©

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