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Ein Interview mit Louise Bezuidenhout und Jo Havemann

In ihrem Projekt “The varying openness of digital open science tools” (etwa: Die unterschiedlichen Ausmaße von Offenheit digitaler Open-Science-Anwendungen) analysieren Louise Bezuidenhout und Jo Havemann die tatsächliche Zugänglichkeit solcher Tools. Denn oft werden diese, häufig abhängig von den Interessen von Geldgebern, auf eine ganz bestimmte Community zugeschnitten designt. Aus Sicht westlicher Industrieländer sind sie damit zumeist ausreichend offen. Tatsächlich stellen sie aber Forschende in beispielsweise afrikanischen Ländern vor große Herausforderungen: Gibt es dort eine ausreichende Internetverbindung? Sind die Programme auch in der jeweiligen Sprache verfügbar? Oder verbergen sie sich hinter einer Bezahlschranke?

Die beiden Autorinnen berichten im Interview von Lösungsansätzen und konkreten Startpunkten und geben Tipps, welche Rolle Bibliotheken dabei einnehmen können. Sie schlagen vor: Um das künftige Open-Science-Ökosystem für Forschende in allen Weltregionen einschließlich Afrika, Lateinamerika, Asien und Ozeanien inklusiv und funktionsfähig zu machen, sollten diese in Designentscheidungsprozesse aktiv einbezogen werden.

In eurem Projekt über die verschiedenen Ausmaße von Offenheit digitaler Open-Science-Tools (DOSTs) nehmt ihr das Design dieser Anwendungen genauer unter die Lupe. Wie habt ihr überhaupt festgestellt, dass dies ein Problem ist?

Louise: Sowohl Jo als auch ich arbeiten eng mit Forschenden aus Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen (LMICs) zusammen. In unseren Gesprächen äußern sie regelmäßig Bedenken bezüglich der digitalen Anwendungen und Ressourcen, die die moderne und offene Forschung unterstützen. Diese beziehen sich oft auf Fragen von Bezahlschranken und Mitgliedsbeiträgen – ein besonderes Problem für Forscher:innen, die in Ländern mit schwachen Währungen, unterfinanzierten Institutionen und wenigen Forschungsstipendien arbeiten. Weitere Herausforderungen sind die mangelnde Eignung bestimmter Tools für den Einsatz in Regionen mit geringer Internetbandbreite, die fehlende sprachliche Vielfalt in der digitalen Forschungslandschaft sowie das Versäumnis, Forschende, die in LMICs arbeiten, während der Entwicklung und Einführung digitaler Tools und Ressourcen zu beteiligen.

In den letzten drei Jahren habe ich viel mit Wissenschaftler:innen zusammengearbeitet, die in Ländern arbeiten, die derzeit von den USA sanktioniert werden. In den sozialen Medien gibt es dazu viele Anekdoten über die Blockierung bestimmter digitaler Werkzeuge für Forschende, aber nur wenige systematische Studien über die Ausmaße dieses Problems. Wir haben hart daran gearbeitet, Beweise zum Thema “Geoblockierung” zu sammeln und darüber nachzudenken, wie die Prävalenz dieser Geoblockierung unser Verständnis von Open Science beeinflusst.

Jo und ich haben dann beschlossen, all diese Problembereiche zusammenzuführen und das digitale Forschungsökosystem kritisch zu hinterfragen. Wir sind beide starke Befürworterinnen von Open Science und der Meinung, dass es wichtig ist, Fragen der Offenheit und Inklusion aus einer informierten Perspektive zu diskutieren, anstatt einfach davon auszugehen, dass Forscher:innen auf der ganzen Welt gleichberechtigten Zugang zu allen online verfügbaren Werkzeugen und Ressourcen haben.

Auf welche Open-Science-Tools bezieht sich das konkret?

Jo: Wir haben uns mit Anwendungen befasst, die im gesamten Forschungsprozess nutzbar sind und speziell von Organisationen und Initiativen entwickelt wurden, um die Open-Science-Prinzipien zu fördern. Dabei haben wir auf dem Projekt Innovations in Scholarly Communication project von Bianca Kramer und Jeroen Boseman aufgebaut, die eine Reihe von digitalen Forschungs-Tools nach ihrer Anwendbarkeit bei der Recherche (Literatursuche), Analyse, Erstellung, Veröffentlichung, Verbreitung und Bewertung kategorisiert haben.

Figure 1. A) Diagram from Kramer & Bosman (2016)13 demonstrating diversity of DOSTs, linkages between tools at different stages of workflow. Green line demonstrates a potential research workflow involving DOSTs. B) Pictogram of a random digital tool representing the tools displayed in 1A with influencing aspects addressed in this paper: underlying values, financial models, language choices, geographical location, user communities. Bezuidenhout L. and Havemann J. The varying openness of digital open science tools [version 1]. F1000Research 2020, 9:1292 (DOI). Grafik unterliegt der CC-BY 4.0 Lizenz.

Ausgehend von der “Joint Roadmap for Open Science Tools” (JROST) und nach dem Hinzufügen von Tools, die wir selbst verwenden und die uns bekannt sind, ergab sich eine Liste von 242 digitalen Tools, von denen viele speziell dazu entwickelt wurden, um die Prinzipien von Open Science zu fördern, wie zum Beispiel Transparenz, schnelle Verbreitung von Forschungsergebnissen und faire Bewertung. Um die globale Anpassungsfähigkeit dieser Tools zu untersuchen, fragen wir in dem Artikel nach den zugrundeliegenden Werten, den Finanzierungsmodellen, der Sprachwahl, der Geolokalisierung und der Offenheit gegenüber verschiedenen Nutzergruppen.

Was macht die Designs von Open-Science-Tools denn nicht inklusiv?

Louise: Es gibt eine Vielzahl von Barrieren, die digitale Open-Science-Tools für bestimmte Forschergemeinschaften weniger integrativ machen. Die meisten davon lassen sich auf Design- und Verbreitungsentscheidungen zurückführen, die während der Entwicklung der Tools getroffen wurden. Wenn die DOST-Entwickler:innen solche Werkzeuge zum Beispiel mit Blick auf ihre lokale Forschungsgemeinschaft entwerfen und in derselben Community testen, dann wird das Design notwendigerweise die Parameter dieser Gemeinschaft widerspiegeln. Das bedeutet, dass es auf die Präferenzen dieser spezifischen Nutzer:innen zugeschnitten und auf die in ihrer Forschungsumgebung verfügbaren Infrastrukturen abgestimmt wird. Dies kann bedeuten, dass es zwar für eine bestimmte Nutzergruppe optimal kalibriert ist, aber für andere Forschungsgemeinschaften weniger nützlich ist, was daran liegt, dass Forschungsgemeinschaften – in Bezug auf Zusammensetzung, Arbeitspraktiken, Forschungsumgebungen und Kulturen – weltweit sehr heterogen sind.

Figure 4. Illustration of the funding models of DOSTs. The funding sources for the respective tools were classified as a) Commercial (n=56, 23.1%); b) Grant (n=19, 7.9%); c) mixed (commercial and grant, n=122, 50.4%), and d) Institutional (n=44, 18.2%). 0.4% of the tools (n=1) had no funding source specified. n=242. Bezuidenhout L. and Havemann J. The varying openness of digital open science tools [version 1]. F1000Research 2020, 9:1292 ( DOI). Grafik unterliegt der CC-BY 4.0 Lizenz.

Ein weiteres Schlüsselproblem, das wir identifizieren konnten, betrifft die Finanzierung der Entwicklung von DOSTs. Da diese Tools oft von Freiwilligen oder Start-ups initiiert werden, sind sie von einer Vielzahl unterschiedlicher Geldgeber:innen abhängig und können sich oft nicht den Luxus leisten zu wählen, von wem sie Geld annehmen. Das bedeutet, dass viele DOSTs durch ihre Finanzierung an “Bedingungen“ geknüpft sind. Damit meine ich, dass die Präferenzen der Geldgebenden – einschließlich der Frage, wer Zugang zu dem Werkzeug hat – in das Design und die Verbreitung des DOST einfließen. Dies kann erhebliche Auswirkungen auf die Inklusivität für die Nutzergemeinschaften haben.

Wie können die Designs integrativer gestaltet werden? Wo ist ein guter Startpunkt dafür?

Louise: Wie wir auch in dem Artikel befürworten, sind wir der Meinung, dass die DOSTs bei ihrem Design und ihrer Integration in das Open-Science-Ökosystem einer kritischeren Prüfung unterzogen werden sollten. Wir glauben, dass der Einsatz von Modellen wie Responsible Research and Innovation (RRI) den DOST-Entwickler:innen helfen kann, mögliche zukünftige Herausforderungen zu antizipieren und pro-aktiv Strategien zur Schadensbegrenzung in ihre Designentscheidungen zu integrieren.

Jo: Laden Sie Technologie-Entwickler:innen und Forschende aus Afrika, Lateinamerika und Asien aktiv ein, sich an Design-Sprints zu beteiligen, und stellen Sie ausreichende Budgets für diese Aktivitäten bereit, damit die Menschen teilnehmen und ihren Beitrag leisten können, indem Sie beispielsweise sicherstellen, dass das Internet während der Veranstaltung bezahlt wird und die vor Ort verfügbare Ausrüstung funktionsfähig ist, um effiziente Beiträge zu ermöglichen.

Wie kann es uns gelingen, geografische Gruppen einzubeziehen, die bisher oft ignoriert wurden? Wo seht ihr konkrete Ansatzpunkte?

Louise: Ich denke, einer der wichtigsten Ansatzpunkte ist es, über diese Fragen mehr und ausführlichere Diskussionen gemeinsam mit Wissenschaftler:innen in den LMICs zu führen. Weil sie die Erfahrungen mit dem Einsatz der digitalen Open-Science-Tools gemacht haben, verfügen sie über detaillierte Meinungen dazu, was funktioniert und was nicht. Viele von ihnen haben auch innovative Lösungen für die Hindernisse gefunden, auf die sie in der digitalen Forschungslandschaft stoßen – entweder durch die Entwicklung ihrer eigenen digitalen Tools oder durch das Schaffen verschiedener Verbindungen oder Forschungswege innerhalb der Online-Umgebung. Ein stärkerer Austausch mit diesen Gruppen und eine bessere, systematische Sammlung von Evidenz – sowohl zu ihren Herausforderungen als auch zu Lösungsvorschlägen – wären für jedes DOST-Design eine Bereicherung.

Figure 5. Tool providers across workflow showing the number of tools per workflow step. Bezuidenhout L. and Havemann J. The varying openness of digital open science tools [version 1]. F1000Research 2020, 9:1292 ( DOI). Grafik unterliegt der CC-BY 4.0 Lizenz.

Jo: AfricArXiv und unseren Partnerorganisationen tragen wir aktiv dazu bei, dass solche Diskussionen auch über Sprachgruppen und Disziplinen hinweg in größerem Umfang stattfinden. Wir sensibilisieren die Plattform- und Dienstleistungsanbieter:innen für regional-spezifische Herausforderungen und Möglichkeiten, um auf der Grundlage ausführlicher Konsultationen mit den jeweiligen Interessengruppen ein inklusiveres Tool-Design und regionale Anpassungen zu fördern. Ein Engpass sind die begrenzten finanziellen Ressourcen, aber glücklicherweise gibt es mehrere Initiativen zur Sensibilisierung und zu Design-Ansätzen, wie “Invest in Open Infrastructure” und die bereits erwähnte Joint Roadmap for Open Science Tools (JROST).

Was können Bibliotheken, die oft selbst solche Open-Science-Tools anbieten oder nutzen, dazu beitragen, diese geografisch noch integrativer zu machen?

Louise: Ich denke, dass Bibliotheken – insbesondere in der Rolle von Datenverwaltenden und -Kurator:innen – ideal positioniert sind, um die Aufmerksamkeit auf Fragen der Inklusivität in der Open-Science-Landschaft zu lenken. Bibliothekar:innen sollten die von ihnen empfohlenen Instrumente kritisch prüfen, um sicherzustellen, dass sie maximal inklusiv und offen sind. Wenn sie dies tun, sind sie in der Lage, die integrative Datenverbreitung auf institutioneller Ebene zu fördern, indem sie den Forschenden raten, hochinklusive Instrumente zu verwenden.

Jo: Zu den Kriterien, die zu berücksichtigen sind, sollte auch der Grad der Interoperabilität gehören, wie viele und welche Sprachen das Tool bedient: Erlaubt es mehrsprachige Dateneingabe und ist es möglich, das Tool in die bestehende digitale Infrastruktur der Institutionen zu integrieren? Es ist unerlässlich, dass sich Mitarbeiter:innen von wissenschaftlichen Bibliotheken umfassend mit Forschungsmitarbeiter:innen aus verschiedenen Disziplinen an ihrem Institut beraten, um sich über die Präferenzen und Anforderungen der einzelnen Forschungsabteilungen zu erkundigen, die manchmal von Geldgeber:innen oder anderen wissenschaftlichen Interessengruppen festgelegt werden.

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Wir sprachen mit Louise Bezuidenhout und Jo Havemann.

Dr. Louise Bezuidenhout ist Forscherin am Institut für Wissenschaft, Innovation und Gesellschaft an der Universität Oxford. Ihre Arbeit konzentriert sich auf Forschungssysteme in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen und auf Fragen der Inklusivität mit globalen Forschungsgemeinschaften. Ein Großteil ihrer Forschung beschäftigt sich mit Fragen des Zugangs, der Gerechtigkeit und der Ressourcenverteilung im Open-Science-Ökosystem.

Mit einem Hintergrund in Evolutions- und Entwicklungsbiologie ist Dr. Johanna Havemann Trainerin und Beraterin für [offene] Wissenschaftskommunikation und [digitales] Wissenschaftsprojektmanagement. Ihre Arbeitserfahrung umfasst Nicht-Regierungsorganisationen, ein wissenschaftliches Start-up-Unternehmen und internationale Institutionen, darunter das Umweltprogramm der Vereinten Nationen. Mit dem Schwerpunkt auf digitalen Anwendungen für die Wissenschaft und ihrem Label Access 2 Perspectives will sie die globale Wissenschaftskommunikation im Allgemeinen – mit einem regionalen Schwerpunkt auf Afrika – durch Open Science stärken.

Copyright der Porträts:
Louise Bezuidenhout: Louise Bezuidenhout
Jo Havemann: Jo Havemann

Bei diesem Text handelt es sich um eine Übersetzung aus dem Englischen.

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