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im Interview mit Johanna Havemann und Justin Sègbédji Ahinon

Nord-Süd-Dialoge und Kooperationen sind von hoher Relevanz für die Entwicklung von Open Science. AfricArXiv (Link in englischer Sprache) ist ein Preprint-Repositorium, das es afrikanischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern ermöglicht, ihre Manuskripte neben Englisch und Französisch auch in traditionellen afrikanischen Sprachen zu veröffentlichen. Justin Sègbédji Ahinon und Johanna Havemann sind die Initiatoren von AfricArXiv und erzählen uns, warum dies eine große Chance für Entwicklungsländer bietet, mit Forschenden weltweit zusammenzuarbeiten.

Welche Vorteile bietet Open Science für die internationale Zusammenarbeit und welche Herausforderungen sind noch zu bewältigen?

Die Open-Science-Bewegung bereitet bereits den Weg dafür, wie wir über Forschungsergebnisse weltweit und im digitalen Zeitalter kommunizieren. Die Vision und Mission von Open Science sind nichts Neues, sondern es geht bei allem um gute wissenschaftliche Praktiken, die jeder Forschende einhalten sollte und höchstwahrscheinlich auch einhalten möchte. Neu ist der digitale Kontext, in dem wir heute arbeiten, und das Bestreben, dem Ungleichgewicht, das durch kommerzielle Wissenschaftsverlage vorherrscht, die explodierende Gebühren für die Einreichung von Artikeln und nach der Veröffentlichung für den Zugang zu im Peer-Review-Verfahren begutachteten Artikeln erheben, entgegenzuwirken.

Woran noch gearbeitet werden muss ist die aktive Einbindung akademischer Stimmen aus den verschiedenen Teilen der Welt. Nur so kann eine globale Infrastruktur für Open-Science-Praktiken aufgebaut werden, die nicht nur für ausgewählte europäische und nordamerikanische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler funktioniert, sondern auch einen ausgewogenen globalen wissenschaftlichen Diskurs über Weltregionen, Sprachbarrieren und Disziplinen hinweg ermöglicht. Open Science kann ein Katalysator dafür sein, aber wir müssen wichtige akademische Interessengruppen auf der ganzen Welt einladen und ermutigen, einschließlich nationaler Bildungsministerien, Graswurzelbewegungen für Open Science und Open Data und anderer Interessengruppen.

Vor welchen Herausforderungen steht die Forschung in Afrika?

Zu den Hauptproblemen für afrikanische Forscherinnen und Forscher gehören die Kosten für den Zugang zu Inhalten in indexierten Zeitschriften sowie institutionelle Beschränkungen für Inhalte, die von universitären oder institutsbasierten Zeitschriften bereitgestellt werden. Afrikanische Forschende haben schon häufig die Hindernisse benannt, denen sie beim Zugang zu wissenschaftlichen Erkenntnissen begegnen: Einige Zeitschriften und Artikel sind nicht in einschlägigen internationalen Datenbanken verzeichnet, und die hohen Kosten für Zeitschriftenabonnements stellen große finanzielle Hindernisse dar.

Viele afrikanische Zeitschriften erfüllen nicht die Empfehlungen und Anforderungen, um in den wichtigsten globalen Wissenschaftsdatenbanken wie DOAJ (Link in englischer Sprache), Scopus (link in englischer Sprache) oder Web of Science (Link in englischer Sprache) aufgeführt und indexiert zu werden. Dies führt dazu, dass die in diesen Ländern produzierten Inhalte auch für die dort lebenden Menschen nicht zugänglich sind, da auch sie sich auf Online-Datenbanken verlassen, um relevante wissenschaftliche Inhalte oder Arbeiten zu finden. Andere Hindernisse, wie die geringe Forschungsfinanzierung oder der begrenzte Zugang zu wissenschaftlichen Inhalten, beeinträchtigen daher die Qualität der von afrikanischen Forscherinnen und Forschern produzierten Forschung und auch die Möglichkeiten der Zusammenarbeit, die sie haben könnten.

Die Internetanbindung zählt nach wie vor zu den größten Hindernissen, da sie in weiten Regionen des Kontinents nach wie vor sehr schwach ist.

Folglich gibt es derzeit einen Bias hinsichtlich des Beitrags afrikanischer Forschender zur globalen wissenschaftlichen Produktion, der auf die mangelnde Sichtbarkeit der Inhalte zurückzuführen ist, die auf und über den Kontinent produziert werden. Auch wenn es eine Reihe von wissenschaftlichen Publikationsplattformen und Zeitschriften gibt, sind diese entweder nicht bekannt oder nicht ausreichend sichtbar. Open Science ist ein vielversprechendes Instrument, um diese Verzerrung langfristig zu reduzieren oder sogar zu beseitigen

In den letzten drei Jahren sind zahlreiche Dienste und Plattformen entstanden, die afrikanischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern weltweit zu mehr Sichtbarkeit und mehr Engagement verhelfen, etwa panafrikanische Preprint-Repositorien wie DICAMES (Link in französicher Sprache) und AfricArXiv (Link in englischer Sprache) sowie Open-Access-Zeitschriften, die sich speziell afrikanischer Forschung widmen wie AAS Open Research (Link in englischer Sprache) und Scientific African (Link in englischer Sprache), lokale Open-Access-Initiativen und Plattformen, um nur einige zu nennen.

Mit den Graswurzelinitiativen und Online-Diensten, die mittlerweile verfügbar sind, fügt sich so eine neue akademische Infrastruktur zusammen, weltweit und auch für afrikanische Interessensgruppen. Die von afrikanischen Forschenden produzierten Inhalte werden so für die Menschen auf dem Kontinent leichter zugänglich. So werden diese Inhalte weltweit sichtbarer, da sie über Datenbanken wie BASE Search, Open Knowledge Maps und Google Scholar bereitgestellt werden. Eine Öffnung der Wissenschaft bedeutet auch mehr – und vielfach einfachere – Möglichkeiten für afrikanische Forschende, mit anderen Forschenden auf dem Kontinent und in anderen Teilen der Welt zusammenzuarbeiten.

Was ist AfricArXiv und was ist das Besondere an seinen Dienstleistungen?

AfricArXiv ist ein kostenloses Open-Source-Digitalarchiv für Forschungsergebnisse in und über Afrika. Es ist Teil einer Reihe von Open-Access-Repositorien, die auf dem Open Science Framework (OSF)-Projektmanagement-Repositorium basieren (Link in englischer Sprache), das vom Center for Open Science (Link in englischer Sprache) betrieben wird.

Unser Hauptziel mit AfricArXiv ist es, Forschungsinhalte, die in Afrika produziert werden, besser sichtbar zu machen. Darüber hinaus gibt es eine Reihe weiterer Ziele, die wir erreichen wollen, wie die Förderung der Verwendung afrikanischer Lokalsprachen in der Wissenschaft, die Lücke zwischen anglophonen und frankophonen Forschungsdiskursen zu überwinden, das Konzept von Open-Access-Publishing auf dem Kontinent bekannter zu machen, sowie die Relevanz von indigenem und traditionellem Wissen für den Forschungskontext zu betonen, bei gleichzeitigem Schutz des kollektiven geistigen Eigentums indigener Völker.

Auf unserer Website sammeln wir Ressourcen zu afrikanischen Forschungsinhalten und arbeiten mit anderen afrikanischen und nicht-afrikanischen Institutionen und Initiativen wie der African Open Science Platform, AfricaOSH (Link in englischer Sprache), INASP (Link in englischer Sprache) / AuthorAid (Link in englischer Sprache), TCC Africa (Link in englischer Sprache), IGDORE (Link in englischer Sprache), dem Open Science MOOC (Link in englischer Sprache) sowie Plattformen und Repositorien mit afrikanischen Inhalten (Link in englischer Sprache) zusammen.

Wie ist AfricArXiv organisiert?

Seit unserer Gründung im Juni 2018 ist AfricArXiv rein ehrenamtlich tätig und verfügt über ein kleines Team von engagierten Einzelpersonen und Expertinnen und Experten, die mit Leidenschaft zu einem florierenden Open-Science-Ökosystem auf dem Kontinent beitragen wollen. Ursprünglich gegründet von uns, Justin Sègbédji Ahinon aus Benin und Johanna Havemann aus Deutschland, haben wir Social Media genutzt, um das Team, den Lenkungsausschuss und die Follower-Basis aufzubauen.

Wir haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in unserem Team, die für die Moderation des Einreichungsprozesses verantwortlich sind und die Qualität der präsentierten Forschung überprüfen, und ein kleines Team, das für PR und Kooperationen verantwortlich ist. Wir wenden uns an Einzelpersonen und Institutionen, mit denen wir zusammenarbeiten möchten und von denen manche zum Projektpartner werden, und lernen dabei viel. Wir nehmen auch an relevanten internationalen Konferenzen in Afrika und Europa teil und präsentieren unsere Arbeit.

Welche Erfahrungen habt ihr bisher mit der Plattform gemacht?

Unser Kerndienst ist das Hosting von Preprints und anderen Formaten von Forschungsergebnissen, vorzugsweise von afrikanischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, aber auch von nicht-afrikanischen, die zu afrikabezogenen Themen forschen. Wir zählen bisher mehr als 60 akzeptierte Einreichungen und gehen davon aus, dass diese Zahl mit steigender Bekanntheit im Laufe der Zeit stetig steigen wird. Das Feedback, das wir zu unserer Website und dem wachsenden Repositorium erhalten, ist zu 100% positiv, so dass wir motiviert bleiben, weiter daran zu arbeiten. Wir prüfen Möglichkeiten, AfricArXiv finanziell nachhaltig zu machen – für eine stabile Basis in einer wachsenden modernen und offenen Infrastruktur für die Wissenschaft auf dem Afrikanischen Kontinent.

Der sprachliche Aspekt ist etwas, woran wir noch arbeiten. Es stellt sich heraus, dass es für die Autorinnen und Autoren nicht einfach ist, sich die zusätzliche Mühe zu machen, ihr Abstract oder sogar das ganze Manuskript zusätzlich zu ihrer Einreichung in einer Sprache in eine afrikanische Landessprache, Französisch oder Englisch zu übersetzen. Darüber hinaus sind viele traditionelle afrikanische Sprachen rein mündlich – wir überlegen daher, dem Repository eine Audiofunktion hinzuzufügen.

Vor kurzem haben wir unsere interaktive Karte (Link in englischer Sprache) veröffentlicht, auf der man sehen kann, wo auf dem Kontinent eine Studie durchgeführt wurde und welche Autorinnen und Autoren von welchen Institutionen daran beteiligt waren. Einige Studien wurden von internationalen Teams durchgeführt, weshalb ein paar Verbindungen zu Institutionen in anderen Teilen der Welt reichen. Darüber hinaus bilden wir Forschungseinrichtungen nach Ländern und nicht-afrikanische Institute mit Schwerpunkt Afrikaforschung ab, zum Beispiel in Schweden und den Niederlanden. Diese virtuelle Karte ermöglicht eine spielerische Auseinandersetzung mit dem Thema und den Inhalten auf dem AfricArXiv-Repositorium.

Welche weiteren Möglichkeiten gibt es, Sprachbarrieren abzubauen?

Das digitale Zeitalter bietet nicht nur große Chancen und Möglichkeiten für Open Science, sondern auch die maschinelle Übersetzung hat sich in den letzten fünf Jahren deutlich verbessert. Online-Dienste wie Google Translate und DeepL sind heute von erstaunlich hoher Qualität. Natürlich müssen Menschen noch immer die Richtigkeit der Inhalte gegenprüfen, besonders wenn es um die vielen kleinen und heiklen Details in wissenschaftlichen Berichten geht. Es besteht auch die Möglichkeit, dass eine ganz neue Dienstleistungsbranche von Fachleuten wissenschaftliche Inhalte übersetzt.

Wir sind sehr optimistisch, was das digitale Zeitalter und die Möglichkeiten betrifft, die es dem afrikanischen Kontinent bietet, um effizient auf globaler Ebene zusammenzuarbeiten und Forschung und Innovation voranzutreiben sowie es den afrikanischen Interessengruppen zu ermöglichen, aktiv zur Lösung der großen globalen Herausforderungen beizutragen, mit denen wir alle konfrontiert sind: Klimawandel, Konflikte und Migration. Außerdem sollte es größtenteils Spaß machen, sowohl regionale als auch internationale Forschung zu betreiben, unabhängig davon, wo auf diesem Planeten das Team angesiedelt ist, und Open Science trägt dann dazu bei, wenn wir die Infrastruktur dafür gemeinsam aufbauen.

Abschließend möchten wir die Leserinnen und Leser darauf hinweisen, dass sie die “Ten African Principles for Open Access in Scholarly Communication” (Link in englischer Sprache) lesen und unterzeichnen können, die wir gemeinsam mit einigen unserer Partner formuliert haben.

Unsere Fragen wurden von Johanna Havemann und Justin Sègbédji Ahinon beantwortet.

Justin Sègbédji Ahinon ist WordPress-Entwickler mit einem Hintergrund in angewandter Statistik. Er interessiert sich stark für Open-Access-Fragen in Afrika sowie für die Verbreitung von Wissen und die Mittel, mit denen dies auf dem Kontinent umgesetzt wird. Er ist Stipendiat und seit kurzem Mentor des Open-Leaders-Programm der Mozilla Foundation.

Johanna Havemann hat einen Hintergrund in Evolutions- und Entwicklungsbiologie und arbeitet als Trainerin und Beraterin im Bereich der Open-Science-Kommunikation und dem wissenschaftlichen Projektmanagement. Mit Schwerpunkt auf digitalen Werkzeugen für die Wissenschaft und ihrem Label “Access 2 Perspectives” will sie die Forschung auf dem afrikanischen Kontinent durch Open Science stärken.

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