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im Interview mit Sharon Hanna, Jason Pither und Mathew Vis-Dunbar

Bei dem über zwei Jahre angelegten Pilotprojekt der UBC Okanagan Library der Universität von Britisch-Kolumbien (UBC) in Kanada geht es darum, Open-Science-Praktiken möglichst direkt zu Studienbeginn zu vermitteln, damit Studierende während ihrer gesamten wissenschaftlichen Laufbahn davon profitieren. Die eigens dafür entwickelten und im Curriculum verankerten Module beinhalten die Erstellung, Bereitstellung und Auswertung eines umfassenden Lern- und Lehrangebots zur Förderung der Informationskompetenz von Studierenden im Bereich Open Science. Sharon Hanna, Jason Pither und Mathew Vis-Dunbar haben im Projekt mitgearbeitet und berichten uns heute, wie sie daran arbeiten, das universitäre Anreizsystem zu verändern, warum es entscheidend ist, Open-Science-Praktiken schon im Grundstudium zu lehren und welche Rolle Bibliotheken dabei spielen.

Warum ist es so wichtig, Studierende so früh wie möglich in ihrer universitären Laufbahn an Open Science heranzuführen?

Das hat zahlreiche Vorteile, sowohl für die angehenden Forscherinnen und Forscher als auch für die Studienanfängerinnen und -anfänger:

  • Unsere Erfahrung ist, dass sich die Studierenden, die früh mit Open Science in Berührung gekommen sind, mehr zutrauen und daher ein größeres Interesse und Engagement zeigen, wenn sie beispielsweise mit Fallstudien oder Artikeln aus der Primärforschung in Kontakt kommen. Wir hoffen, dass dies auch außerhalb der universitären Umgebung gilt, wenn die Studierenden als aktive Mitglieder der Gesellschaft fundierte Entscheidungen treffen müssen.
  • Werte und Praktiken, die früh im Studium erlernt werden, können während des gesamten Grundstudiums weiterentwickelt und verstärkt werden. Das erhöht wiederum die Wahrscheinlichkeit, dass diese Praktiken zu Gewohnheiten werden. Dies ist besonders für jene Studentinnen und Studenten von Vorteil, die eine wissenschaftliche Laufbahn anstreben. Bemerkenswert ist, dass wir beobachten konnten, wie sich diese Gewohnheiten über die Labore bis hinauf zu den hauptberuflich Forschenden ausbreiten und letztlich zu umfassenden Veränderungen in den Forschungsabläufen führen können.
  • Bis zum Abschluss ihres Studiums werden die Studierenden das Rüstzeug haben, die besten Open-Science-Praktiken auf Forschungsvorhaben anzuwenden. Wir erwarten daher wesentliche Verbesserungen in der Qualität der von Studentinnen und Studenten durchgeführten Forschung.

Worum geht es in dem Programm der UBC Okanagan Library zur Förderung der Informationskompetenz von Studienanfängerinnen und -anfängern im Bereich Open Science?

Unser Programm zielt darauf ab, Vorlagen und Ressourcen bereitzustellen, die es den Lehrenden ermöglichen, Open-Science-Prinzipien und -Praktiken so in den bestehenden Lehrplan einzuflechten, dass sie für die Studierenden so selbstverständlich werden wie das Anziehen eines Laborkittels. Die Botschaft: Offene Wissenschaft ist die bessere Wissenschaft.

Diejenigen, die ein ernsthaftes Interesse an wissenschaftlichen Karrieren oder in verwandten Bereichen (zum Beispiel Gesundheitsberufe und Umweltschutz) haben, haben ein starkes Interesse an solchem Wissen gezeigt, das die Qualität ihrer wissenschaftlichen Arbeit erhöht. Zu unseren Vorlagen für Open-Science-Module, die bereits implementiert wurden oder die gerade darauf warten, implementiert zu werden, gehören:

  • Reproduzierbare Analyse und Literate Programming,
  • Forschungsdatenmanagement,
  • Digitalisierung von Laborbüchern und Notizen von Feldstudien,
  • Nutzung von Open-Data-Sammlungen,
  • Peer Review,
  • Prävention fragwürdiger Forschungspraktiken und
  • Verwendung alternativer Messmethoden zum Impact von Forschung.

Warum sollten Studierende im Grundstudium an eurem Programm teilnehmen?

Zunächst einmal zählen die Open-Science-Inhalte zu einem bestimmten Prozentsatz zur Kursnote der teilnehmenden Studierenden. Und eine Verbesserung der Noten ist immer ein guter Anreiz! Zweitens können sich die Studierenden über offene Praktiken informieren, die die Transparenz und Zugänglichkeit der Wissenschaft erhöhen und zunehmend auch von Geld- und Arbeitgebern gefordert werden. Drittens: Offene Wissenschaft ist die bessere Wissenschaft, Punkt. Schließlich haben die Studierenden eine große Wertschätzung dafür gezeigt, dass sie die Ideale von Open Science kennenlernen konnten (eine intrinsische Belohnung!) – auch in ihrer Rolle als Weltbürgerinnen und Weltbürger.

Wie können Universitäten Anreize und Belohnungen schaffen, damit sich Studierende mit Open Science befassen und die Prinzipien offener Wissenschaft praktisch anwenden?

Ein Beispiel: Bewertungsschemata für Laborberichte könnten nicht nur richtige Antworten belohnen, sondern auch Transparenz und Offenheit – zum Beispiel über Verfahrensfehler und Missgeschicke.

Im Bezug auf Forschungsprojekte, die von Studienanfängerinnen und -anfängern geleitet werden, können Bewerbungskriterien für Stipendien und Abschlussarbeiten so angepasst werden, dass sie Bewerbungen bevorzugen, bei denen die Anwendung von etablierten Open-Science-Praktiken geplant ist. Wenn vorhanden, können Mittel bereitgestellt werden, die zum Beispiel die Veröffentlichung in Open-Access-Zeitschriften ermöglichen. Grundsätzlich ist es unser Endziel, einen Nachweis für den erfolgreichen Abschluss eines vollständigen Open-Science-Trainings im Grundstudium anzubieten. Wir sind zuversichtlich, dass so ein Nachweis rasch an Wert gewinnen wird, da Arbeitgeber sowohl im privaten als auch im öffentlichen Sektor Absolventinnen und Absolventen mit einer formalen Open-Science-Ausbildung suchen.

Wie trägt die UBC Okanagan Library zu dem Programm bei?

Die UBC Okanagan Library war ein zentraler Partner bei der Finanzierung, die uns die Durchführung dieser Initiative überhaupt erst ermöglicht hat. Unsere Open-Science-Bibliothekarinnen und -Bibliothekare beraten sich mit Lehrenden und Laborleitenden, die daran interessiert sind, Open-Science-Prinzipien und -Praktiken in die Hörsäle, Seminarräume und Labore zu bringen. Wir tragen auch zur Entwicklung von Lernressourcen und -material bei.

Welche Rolle sollten Bibliotheken im Allgemeinen spielen und was ist ihre Schlüsselrolle bei der Etablierung von Open Science im Grundstudium?

Bibliotheken bilden einen interessanten Knotenpunkt im Forschungslebenszyklus. Die Art von Inhalten, die seit jeher organisiert und auffindbar gemacht werden müssen (zum Beispiel Monographien und Serien), um Forschung zu ermöglichen, ist im Laufe der Jahre gewachsen und umfasst heute eine Vielzahl von weiteren akademischen Ergebnissen, wie Protokolle, Preprints, Daten und Code.

Zwar stellen Bibliotheken nicht unbedingt alle diese Inhalte bereit, aber Bibliotheken und Bibliothekarinnen und Bibliothekare stellen die Systeme bereit, die sie miteinander verbinden. Sowohl bei der Erfassung als auch bei der Verknüpfung von Forschungsinputs und -outputs spielen Bibliotheken eine entscheidende Unterstützungs- und Bildungsrolle in Sachen Informationskompetenz: Der Umfang, in dem wir verstehen, wie Informationen produziert, verbreitet und verarbeitet werden, wirkt sich auf das Vertrauen aus, das wir in jedes einzelne wissenschaftliche Ergebnis setzen können.

Das Programm ist mit dem Wintersemester 2019/2020 gestartet. Was sind bisher eure wichtigsten Erkenntnisse?

Biologiestudierende im ersten Studienjahr haben unsere Einführungsmodule auf Herz und Nieren geprüft. Die Studierenden zeigten großes Interesse an den Open-Science-Prinzipien und erklärten, dass sich ihre Einstellung im Laufe des Kurses zugunsten von Open-Science-Praktiken geändert habe. Viele reagierten ebenfalls positiv, äußerten aber auch den Wunsch, Material mit größerer Relevanz für ihr Studium zu erhalten.

In diesem Sommer und Herbst werden wir mit dem Koordinator des Biologielabors zusammenarbeiten, um die Einführungsmodule stärker in den Lehrplan zu integrieren und Open-Science-Laborübungen einzuführen, die einen spezifischen Bezug zum Inhalt haben. Die Laborassistenten werden auch eine Open-Science-Einführung bekommen. Außerdem wird Open Science einen größeren Teil der Kursnoten der Studierenden ausmachen.

Darüber hinaus ändert sich unsere Rolle, also die Rolle der Bibliothek, beim Vermitteln von Open Science: Wir gehen von der ersten Phase, in der wir vor allem Inhalte erstellt und entwickelt haben, in die nächste Phase, in der wir Lehrenden beratend zur Seite stehen sowie Vorlagen und Materialien liefern.

Was können andere Universitäten und besonders Bibliotheken von eurem Programm lernen? Können sie euer Material wiederverwenden?

Eine der Erkenntnisse des Projekts ist, wie wertvoll die Durchführung als gemeinsame Initiative mit Unterstützung von Fakultät, Bibliothek, Hochschulleitung, unserem Fachbereich für Advanced Research Computing und der Stelle für strategische Initiativen und Planung an der Universität von Britisch-Kolumbien ist. Wenn eine dieser Abteilungen nicht mitgezogen hätte, hätte das unsere Bemühungen sehr viel schwieriger gemacht.

Was die Wiederverwendung von Materialien betrifft, so handelt es sich hier um ein sehr lebendiges Projekt, das sich noch strikt in der Pilotphase befindet. Im Interesse der Förderung des Austauschs, der Zusammenarbeit und der Offenheit im Allgemeinen ist es aber unsere Absicht, alle unsere Materialien über eine CC-Lizenz zur Verfügung zu stellen. Zurzeit sind die meisten unserer Inhalte außerhalb der Seminarräume auf dem UBC Okanagan Campus allerdings noch nicht offiziell veröffentlicht worden. Aber jede und jeder, die/der daran interessiert ist, was wir tun, kann gern auf uns zukommen. Und sobald Inhalte unserer Arbeit veröffentlicht werden, werden sie auf unserer Website zu finden sein.

Wir sprachen mit Sharon Hanna, Jason Pither und Mathew Vis-Dunbar

Sharon Hanna ist Open-Science-Bibliothekarin an der UBC Okanagan Library, Kelowna, Kanada. Sie ist verantwortlich für das Open-Science-Training im Grundstudium, für die Unterstützung von Praktikantinnen und Praktikanten im Bereich Blended-Learning-Design, für die technischen Aspekte von Digitalisierungsprojekten von Archiven sowie für die Fachbetreuung in den quantitativen Wissenschaften und Sprachen.

Dr. Jason Pither ist außerordentlicher Professor für Biologie am UBC Okanagan Campus. Er ist Ökologe und leitender Forscher in der Forschungseinrichtung für Biodiversität und Landschaftsökologie am Okanagan Campus der UBC. Seit 2016 arbeitet Dr. Pither mit Mitgliedern der beiden UBC-Campusstandorte (Vancouver und Okanagan) zusammen, um Kapazitäten für die Ausbildung und Unterstützung von Open Science Best Practices aufzubauen.

Mathew Vis-Dunbar ist Bibliothekar des Southern-Medical-Programms am UBC Okanagan Campus. Er unterstützt Forschende aus allen Wissenschaftsbereichen dabei, offene, transparente und reproduzierbare Forschung zu betreiben.

 
 

Das Copyright der Fotos von den Interview-Partnern liegt beim UBC Okanagan Campus.

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