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Der im März 2017 von der Bertelsmann Stiftung und dem CHE – Centrum für Hochschulentwicklung veröffentlichte Monitor Digitale Bildung – Die Hochschulen im digitalen Zeitalter bildet den Stand der Digitalisierung der Hochschullehre in Deutschland ab. An der Online-Befragung teilgenommen haben 2.759 Studierende, 662 Lehrende und 84 Personen aus Hochschulleitungen und –verwaltungen deutscher Hochschulen. Darüber hinaus wurden 10 Fachleute aus überregionalen Institutionen und Behörden leitfadengestützt interviewt.

Gute Ausstattung, ungenutzte Potentiale

Die technische Ausstattung deutscher Hochschulen wird von den Befragten als überwiegend gut bewertet. Die technische Ausstattung scheint daher nicht die Digitalisierung der Lehre zu limitieren. Das vorhandene Potential wird aber nicht ausgeschöpft. Hochschulen schaffen bislang der Befragung zufolge zwar geeignete materielle Voraussetzungen für die digitale Lehre, überlassen es aber den einzelnen Hochschulangehörigen, diese in Eigenregie mit Leben zu füllen. Wenig verwunderlich daher, dass die Digitalisierung der Lehre bislang nicht den Beitrag zur Bewältigung von Herausforderungen wie der wachsenden Studierendenzahl, der Internationalisierung der Hochschulen, personalisiertem Lernen und individuellem Fördern oder der Inklusion nicht-traditioneller Studentenzielgruppen leisten kann, den sie bringen könnte, wenn sie nicht in erster Linie am Engagement einzelner Vorreiter hängen würde.

Der Befragung zufolge können mit digitalen Medien, wie Lernvideos und Präsentationstools, oder durch Nutzung von Lernmanagement-Plattformen angereicherte teil-digitalisierte Lehrveranstaltungen als normal betrachtet werden. Die Chancen weitergehender didaktischer Veränderungen wie des Inverted-Classroom-Konzepts bleiben ungenutzt. Dabei würde sich rund die Hälfte der Studierenden für Inverted-Classroom-Formate begeistern. Im Gegensatz dazu würden nur 14 Prozent der Lehrenden einen Einsatz von überwiegend Videos zur Veranstaltungsvorbereitung begrüßen. Wenig verbreitet sind bislang auch andere innovative Lernformate, wie zum Beispiel soziales und kollaboratives Lernen (etwa mit Blogs, Wikis, Social Media), Simulationen und Planspiele oder auch elektronische Prüfungen. Lange etablierte Anwendungen und Technologien prägen das Geschehen. Dazu zählen Präsentationstools wie PowerPoint und andere Office-Programme sowie digitale Dokumente und Texte.

Von Open Education noch meilenweit entfernt

Open Educational Resources (OER) werden zwar prinzipiell von Lehrenden begrüßt, da sie Lehrveranstaltungen bereichern und deren Vorbereitung vereinfachen könnten, allerdings nicht flächendeckend eingesetzt. Dies liegt unter anderem an vorhandener Unsicherheit bezüglich ihrer Qualität und urheberrechtlichen Aspekten, wenn diese geteilt werden. Als weiteren Hinderungsgrund nennen Lehrende, dass sie nicht genügend Zeit haben würden, um angesichts der Unübersichtlichkeit passende Open Educational Resources zu finden. Fast 40 Prozent der befragten Lehrenden hatten sogar Zweifel an der Existenz geeigneter OER für ihr Fachgebiet.

Wenn Lehrende entsprechende Materialien teilen, so geschieht dies bevorzugt nicht „open“, sondern etwa per E-Mail, ausgedruckt oder auf einem USB-Stick an Kolleginnen und Kollegen, oder innerhalb eines Lernmanagementsystems an Studierende. Zudem schwingt bei OER die Sorge mit, dass eigene Materialien weiterverarbeitet und verändert werden könnten. Es wurden in der Befragung nur zwei Fälle genannt, in denen Hochschullehrende Inhalte auf YouTube einstellen. Open Education erscheint in Anbetracht dessen an deutschen Hochschulen eher noch als Fernziel. Damit kann sie auch noch nicht den von ihr erhofften Beitrag zur Öffnung von Hochschulen für neue Zielgruppen und Erhöhung der sozialen Teilhabe leisten.

MOOCs in der Lehre nicht etabliert

Zu den am stärksten diskutierten Formaten zählen MOOCS. Für ihre eigene Fortbildung oder zur Vorbereitung nutzen Lehrende sie zwar, setzen sie in der Lehre jedoch kaum ein. Allenfalls im Rahmen akademischer Weiterbildungsangebote spielen MOOCs eine etwas größere Rolle.

Studierende sind keine digitalen Enthusiasten

Auch wenn viele Studierende digitale und soziale Medien privat auch für das Lernen nutzen und sich an der Hochschule einen Methoden-Mix wünschen, so kann von ihnen nicht erwartet werden, dass sie zum Treiber der Digitalisierung an der Hochschule werden, wie dies von Seiten der Hochschulleitungen und –verwaltungen oft erhofft wird. Sie nutzen die von den Lehrenden zur Verfügung gestellten digitalen Möglichkeiten, treiben die Entwicklung aber nicht von sich aus weiter voran, auch wenn sie digitalen Medien und ihrem innovativen Einsatz in der Lehre aufgeschlossen gegenüberstehen. Zudem zeigt die Studie auch, dass Studierende nicht generell digitale Medien und Formate präferieren, sondern ihnen der fachliche Fokus der Lehrenden deutlich wichtiger ist, und sie auch herkömmliche Tafel-und-Kreide-Vorträge zu schätzen wissen.

Für das private Lernen nutzen 41 Prozent der Studierenden Foren und Blogs, 29 Prozent soziale Netzwerke und 42 Prozent Chat-Dienste. In der Hochschullehre sind diese allerdings bislang kaum für den Austausch unter Studierenden oder auch mit Lehrenden institutionalisiert. Am ehesten werden hierfür noch Chat-Dienste eingesetzt (17 Prozent). Beim privaten Lernen noch verbreiteter ist der „Klassiker“ Wikis beziehungsweise Wikipedia, der von mehr als zwei Drittel der Studierenden (70 Prozent) informell genutzt wird. Auch Lehrende nutzen diese intensiv zur Vorbereitung ihrer Veranstaltungen (64 Prozent), ohne sie jedoch in den Lehrveranstaltungen selbst viel einzusetzen.

Lehramtsstudierende wecken Zweifel an Digitalisierung der Schulen

Aus allen Studentengruppen stechen Lehramtsstudierende hervor: Im Vergleich zu anderen Fächergruppen setzen sie digitale Lernmedien weniger in Lehrveranstaltungen oder eigenständig für das Studium ein und sind von deren Einsatz zudem besonders wenig motiviert. Im Hinblick darauf, dass hier die zukünftigen Lehrerinnen und Lehrer ausgebildet werden, stimmt dies für den Einsatz digitaler Medien an Schulen und für die Vorbereitung von Schülerinnen und Schülern auf eine digitalisierte Arbeitswelt nachdenklich.

Engagierte Lehrende digitalisieren Lehre in Eigenregie

Bislang wird die Digitalisierung der Lehre vor allem von Lehrenden mit digitaler Affinität vorangetrieben. Anreize und interne Unterstützungsservices erscheinen bislang nicht ausreichend zu sein. Gleiches gilt für die Qualifizierung und didaktische Beratung der Lehrenden. Knapp 40 Prozent der Lehrenden sehen in der fehlenden didaktischen Betreuung einen großen Mangel, obwohl 84 Prozent der Hochschulleitungen und Verwaltungsmitarbeiter angeben, dass es an ihren Hochschulen Beratungs- und Unterstützungsangebote gäbe. So sind es bislang überwiegend die Lehrenden selbst, die sich in Eigeninitiative für die digitale Lehre qualifizieren. Als prinzipiell auch geeignete Fortbildungsmaßnahmen wurden unter anderem genannt: Tutor-Programme, mehrwöchige Schulungen, Webinare mit Gamification-Charakter und verpflichtende Einstiegsprogramme.

Hochschulleitungen müssen als Change Agents handeln

Knapp die Hälfte der Befragten aus Hochschulleitung und Verwaltung sieht noch „Luft nach oben“ in Bezug auf den strategischen Handlungsbedarf bei der hochschulweiten „Anwendung“ des digitalen Lernens. An 55 Prozent der untersuchten Hochschulen werden digitale Lernmedien „hochschulweit systematisch“ eingesetzt. Dass dafür bereits die Nutzung einer hochschulweit eingeführten Lernmanagementplattform zum Up- und Download als „hochschulweiter Einsatz“ zählt, relativiert dieses Ergebnis allerdings.

„Jede Hochschule hat eines oder mehrere LMS: Die Frage ist, ob die Systeme genutzt werden und wenn ja, wofür. Stichwort: „pdf-Schleuder“.

Die Verbindung der einzelnen Elemente ist eine Herausforderung. Eine weitere Herausforderung sind Infrastrukturen, die außerhalb der Hochschule liegen, wie bestimmte Videoplattformen o. Ä.“ (Befragungsteilnehmer, männlich, 40 Jahre)

Als Agenten des Wandels sind nach Ansicht von Hochschulexperten vor allem die Hochschulleitungen gefordert, die den Rahmen für eine umsetzbare Digitalisierungsstrategie schaffen sollten. Allerdings kommt der Digitalisierung der Lehre an den meisten Hochschulen lediglich eine mittlere strategische Bedeutung zu. Die Personen in Hochschulleitungen und -verwaltungen scheinen zudem in zwei Lager geteilt zu sein: Digitale Verfechter und analoge Skeptiker.

Als konkrete Probleme werden von ihnen neben datenschutz- und nutzungsrechtlichen Fragestellungen auch fehlende oder nicht ausreichende Regelungen hinsichtlich der Anrechnung des Aufwands digitaler Lehre auf das Lehrdeputat genannt. Möglicherweise herrschte bei vielen Befragten allerdings Unkenntnis über die in vielen Bundesländern bereits vorhandenen Anrechnungsmöglichkeiten. Als weiterer Hinderungsgrund für digitale Lehre wurden hohe Beschaffungskosten, etwa für die Lizenzierung elektronischer Fachzeitschriften, genannt sowie die nicht ausreichende Betreuung der digitalen Infrastruktur.

Weiterführende Quellen:

Birgit Fingerle ist Diplom-Ökonomin und beschäftigt sich in der ZBW unter anderem mit Innovationsmanagement, Open Innovation und Science 2.0.

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