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Angesichts des für die Zukunft erwarteten Rückgangs der Studierendenzahlen einerseits und der wachsenden Bedeutung von lebenslangem Lernen aufgrund von drohendem Fachkräftemangel und der technologischen Dynamik andererseits, stellt sich für Hochschulen die Frage nach der Entwicklung ihrer Angebote zur akademischen Weiterbildung. Neben formalen Abschlüssen ist dabei auch der Erwerb individueller Kompetenzen sowie die Bedeutung von sozialem und informellem Lernen im Web in den Fokus zu nehmen.

In der Anfang Juli vom Hochschulforum Digitalisierung veröffentlichten Studie “Ein Leben lang digital lernen – neue Weiterbildungsmodelle aus Hochschulen” wurden Weiterbildungsangebote an deutschen Hochschulen mit qualitativen Methoden untersucht. Die Digitalisierung der Angebote steht dabei im Zentrum, ist sie doch gerade für Berufstätige wichtig, um die Vereinbarkeit zu unterstützen. Bislang wird die akademische Weiterbildung in Deutschland allerdings eher stiefmütterlich behandelt, was vermutlich an den zuletzt gestiegenen Studierendenzahlen und der damit verbundenen Verschlechterung der Betreuungsrelation in der Lehre zusammenhängt. Zudem wird die Weiterbildung von Hochschulen bislang mit einer niedrigen Priorität behandelt und genießt kein so hohes Ansehen.

 

Drei Niveaus der Digitalisierung

Für die Studie wurde einschlägige Forschungsliteratur ausgewertet, zehn Experteninterviews mit Personen aus akademischen Weiterbildungsorganisationen durchgeführt und die Websites von 402 privaten und öffentlichen Hochschulen in Deutschland untersucht. 190 dieser Hochschulen hatten digital unterstützte, ergänzte oder komplett virtuelle Weiterbildungsangebote. Mehr als die Hälfte davon waren administrative digitale Services, wie die Anmeldung, Terminplanung oder das Dokumentenmanagement, während das Weiterbildungsangebot selbst ein konventionelles war.

Ein knappes Drittel dieser 190 Hochschulen bot darüber hinaus ergänzend digitale Medien im oder für den Lernprozess an, zum Teil Blended Learning-Formate, bei denen Präsenzveranstaltungen zum Teil durch Online-Lernphasen substituiert werden. Für teildigitalisierte Bildungsangebote werden beispielsweise virtuelle Lernressourcen zur Vor- oder Nachbereitung von Lehrveranstaltungen auf Lernplattformen oder im Intranet bereitgestellt, etwa PDFs zum Download, Wikis, Vorlesungsaufzeichnungen oder Selbsttests. Dafür werden die oft an Hochschulen vorhandenen Lernmanagementsysteme eingesetzt, teilweise auch kommerzielle Content-Plattformen wie iTunesU und YouTube oder auch Wikipedia und OER-Plattformen.

Nur jede sechste der 190 Hochschulen, bezogen auf alle Hochschulen also nur jede 14., hatte komplett digitalisierte Weiterbildungsangebote im Programm. Volldigitalisierte Lehrangebote bilden sämtliche Aspekte eines Lernprozesses virtuell ab. Webinare und E-Lectures können hier ebenso zum Einsatz kommen wie Videokonferenzsysteme, Kollaborationssoftware und soziale Medien. Dabei geht es in erster Linie um zwei akademische Weiterbildungsformate: Erstens rein onlinebasierte Fernstudiengänge, zumeist weiterbildende Masterstudienangebote, und zweitens MOOCs.

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aus: Hochschulforum Digitalisierung: EIN LEBEN LANG DIGITAL LERNEN (ARBEITSPAPIER 20)

Große Hochschulen, Wirtschaftswissenschaften und MINT dominieren

Insgesamt zeigte sich, dass kleine Hochschulen eher wenig digitale Weiterbildungsangebote aufweisen und dass Universitäten mit mehr als 15.000 Studierenden hier am aktivsten sind und auch etwas aktiver als Fachhochschulen. Was die Inhalte betrifft, so stehen wirtschaftswissenschaftliche Angebote sowie die MINT-Fächer im Vordergrund. Sie richten sich in erster Linie an Menschen mit einem ersten akademischen Abschluss. Insgesamt scheint die akademische Weiterbildung von der formalen akademischen Bildungskultur geprägt zu sein, so dass anrechenbare Zertifikate basierend auf dem European Credit Transfer System (ECTS-Punkte) und Master- beziehungsweise Bachelor-Abschlüsse im Zentrum stehen. Obwohl dies mit der Einführung des Bologna-Systems erwartet wurde, scheint ein Boom bei weiterbildenden Master-Angeboten nicht stattgefunden zu haben. Hinsichtlich der Teilnahmegebühren für akademische Weiterbildungsangebote wurde eine große Schwankungsbreite beobachtet.

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aus: Hochschulforum Digitalisierung: EIN LEBEN LANG DIGITAL LERNEN (ARBEITSPAPIER 20)

Organisation, Technologie und Markt als Herausforderung

In den Experteninterviews wurde die Digitalisierung als positiv eingeschätzt, allerdings hielt sich die Begeisterung für MOOCs und soziales Lernen mit Blick auf didaktische Mängel in Grenzen. Die technologische Ausstattung wurde überwiegend als ausreichend gut bezeichnet. Allerdings wurde die Infrastruktur überwiegend als sehr aufwändig bezeichnet, was eine Kooperation mit Rechenzentren, Medien- oder ELearning-Kompetenzzentren oder mit anderen Hochschulen oder Weiterbildungseinrichtungen oft erforderlich mache. Angesichts der hohen Innovationsdynamik kann allerdings vermutet werden, dass die Hochschulen nicht immer technologisch auf dem aktuellen Stand sind. Neben der technischen Ausstattung sind hierbei auch technologische, mediendidaktische und kreative Fertigkeiten zu betrachten. Zudem wird die technologische Komplexität durch die besonders im Bildungsbereich hohen Anforderungen an den Datenschutz sowie die urheberrechtlichen Vorgaben erschwert. Als Wunsch wurde deshalb in den Experteninterviews unter anderem eine Reform des Urheberrechts geäußert.

Zu den organisatorischen Herausforderungen zählt die Vielfalt der Mitentscheider und Mitakteure, insbesondere bei umfassenderen Vorhaben wie Online-Masterstudiengänge. Werden teildigitalisierte Angebote betrachtet, so stellt dies keine wirkliche Herausforderung dar, da dann häufig an der Hochschule vorhandene Infrastrukturen mitgenutzt werden beziehungsweise werden können oder Ressourcen aus dem eigenen Budget bereitgestellt werden können.
Als Hindernisse wurden die strukturelle Geringschätzung der akademischen Weiterbildung und das Fehlen von Digitalisierungsstrategien seitens der Hochschule genannt. Hier hat die enge Bindung an die jeweilige Mutterhochschule einen durchschlagenden Einfluss auf das Programm der akademischen Weiterbildung.

Besondere Herausforderungen der Weiterbildungsorganisation entstehen auch durch die Unterschiede zum Hochschulstudium, insbesondere wenn es um digitalisierte Angebote geht. Man hat es etwa mit heterogenen Zielgruppen, anderen Veranstaltungs- und Prüfungsformaten, kostenpflichtigen Angeboten, Marketing und Vertrieb zu tun, die spezielle organisatorische Anforderungen bedeuten, die sich deutlich von dem üblichen Betrieb der hochschulischen Lehrorganisation abheben. Auch sind neue Einstellungen und Kompetenzen der Mitarbeitenden dafür erforderlich.

Zudem müssen sich Hochschulen mit ihrem Online-Angebot im Markt dem Vergleich mit vielfältigen weiteren Weiterbildungsanbietern stellen. Zu ihnen zählen reichweitenstarke akademische Weiterbildungsanbieter, die bis vor wenigen Jahren noch weitgehend unbekannt waren, etwa Udacity, Coursera und iVersity. Im Gegensatz zum klassischen Bildungsgeschäft ist es dabei im Online-Markt einem einzelnen Anbieter möglich, ein Marktsegment so abzudecken, dass die Konkurrenz quasi chancenlos ist.

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aus: Hochschulforum Digitalisierung: EIN LEBEN LANG DIGITAL LERNEN (ARBEITSPAPIER 20)

Sieben Szenarien für digitale Medien in der akademischen Weiterbildung

Basierend auf der Bestandsaufnahme wurden sieben Szenarien des Einsatzes digitaler Medien für akademische Weiterbildungsangebote entwickelt, die in der Studie ausführlich mit ihren Vor- und Nachteilen und Beispielen aus der Praxis vorgestellt werden:

  1. Szenario Schaufenster: Weitgehend konventionelle Weiterbildungsangebote werden mit digitalen Medien vermarktet, etwa mit Material-Downloads, thematischen Podcasts, Webinaren oder Videomaterial zu Lehrveranstaltungen, Foren, Chats oder Social Media-Präsenzen und -Aktivitäten.
  2. Szenario E-Services: Verwaltungs- und prozessvereinfachende IT-Services stehen im Mittelpunkt, die den gesamten Ablauf des Weiterbildungsprozesses vereinfachen, beschleunigen oder qualitativ verbessern, wie etwa die Anmeldung, die Terminplanung oder die Zertifikatsbereitstellung.
  3. Szenario Flexibilität: Digitale Lernangebote werden insbesondere für Zielgruppen bereitgestellt, die aufgrund beruflicher, geografischer oder privater Restriktionen ein zeitlich und räumlich flexibles Angebot benötigen. Dabei handelt es sich zumeist um Blended Learning-Formate, bei denen Online-Lernphasen in virtuellen Gruppen und mobile Zugänge zu digitalem, audiovisuellem Lehrmaterial, Betreuungsangebote sowie Online-Tests ebenso zum Einsatz kommen können, mitunter aber auch vollkommen auf Formen der Präsenzlehre verzichtet wird.
  4. Szenario Qualität/Didaktik: Die didaktische Qualität und Steigerung des persönlichen Lernerfolgs stehen im Mittelpunkt. So können etwa kollaborative und soziale oder adaptive und individualisierbare Lernangebote das individuelle Engagement steigern, beispielsweise mit virtuellen Lernräumen, Blogs und Wikis, sozialen Netzwerken und Gamification-Ansätzen. Von Tutoren begleitete Lerngruppen und die konsequente Evaluation des Lernerfolgs gehören zu den Kernvoraussetzungen für den Erfolg dieses Szenarios.
  5. Szenario Up- und Cross-Selling: Digitale Weiterbildungsangebote werden hier ergänzend (Cross-Selling) oder aufbauend (Up-Selling) vermarket, wie etwa bei Zertifikatskursen für Alumni der Hochschule, bei Online-Masterstudiengängen für Schulungsteilnehmer oder das Angebot einer kostenpflichtigen Mitgliedschaft in einer virtuellen Fach-Community für Kursteilnehmer.
  6. Szenario Gesellschaftlicher Bildungsauftrag: Im Fokus steht hierbei die Vermittlung von wissenschaftlicher Bildung an die Gesellschaft, insbesondere an Zielgruppen wie Kinder, Senioren oder Flüchtlinge. Obgleich sie hier besonders geeignet sein könnten, kommen digitale Medien hier bislang selten zum Einsatz.
  7. Szenario Digitaler USP: Um ein Alleinstellungsmerkmal zu erzielen werden Weiterbildungsangebote durch digitale Funktionen und Formate ergänzt, die besonders innovativ, umfassend oder konsequent sind. Beispielsweise könne diese Gamification, soziales, mobiles und adaptives Lernen umfassen.

Welche Rolle könnten Bibliotheken künftig in der akademischen Weiterbildung spielen?

In einem der Experteninterviews wurde explizit geäußert, dass innovative Konzepte für komplementäre Dienstleistungen der Bibliothek wichtig wären. Bibliotheken müssen vor allem dafür sorgen, dass die Teilnehmenden an die Inhalte kommen.

Auch die von den Befragten als sehr bedeutsamer Trend eingestuften Open Educational Resources (OER) sind als ein Betätigungsfeld zu nennen, bei dem sich Bibliotheken stärker engagieren könnten. Ein Drittel der Befragten ist der Ansicht, dass OER auch in der Weiterbildung an Bedeutung gewinnen wird. Sie ermöglichen einen niedrigschwelligen, offenen und kostengünstigen Zugang zu Lernmaterialien, der als wesentlich für den gesellschaftlichen Bildungsauftrag der Hochschulen angesehen werden könnte.

Birgit Fingerle ist Diplom-Ökonomin und beschäftigt sich in der ZBW unter anderem mit Innovationsmanagement, Open Innovation und Science 2.0.

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