Human Library: Vorurteile abbauen mit menschlichen Büchern

von Birgit Fingerle

In einer Human Library können Menschen als „lebende Bücher” ausgeliehen werden. So werden Begegnungen ermöglicht, die sonst nicht entstehen würden, Vorurteile abgebaut und Verständnis gefördert. Das Konzept der Human Library entstand im Jahr 2000 in Kopenhagen und hat sich seitdem weltweit verbreitet. Es handelt sich dabei sowohl um eine weltweit aktive Organisation als auch um eine Bewegung.

Was ist eine Human Library?

Die Grundidee ist einfach: Menschen mit besonderen Lebenserfahrungen, die beispielsweise als Angehörige von Minderheiten häufig Ziel von Vorurteilen oder Diskriminierung sind, stellen sich als „lebende Bücher” zur Verfügung. Interessierte können diese „Bücher” für ein persönliches Gespräch für bis zu 30 Minuten „ausleihen”. Alle Gespräche sind kostenlos. Oft zahlt der/die Veranstalter:in die Anreise und stellt Snacks zur Verfügung, aber alle Personen in der Human Library sind unbezahlte Freiwillige.

Im Ergebnis führt dies zu offenen und respektvollen Begegnungen. So wird zwischenmenschlicher Austausch gefördert, der sonst oft zu kurz kommt, auch weil dafür im öffentlichen Raum die Gelegenheiten fehlen. Human Libraries unterstützen auch die Sustainable Development Goals (SDGs) im Rahmen der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung von den Vereinten Nationen.

Meistens finden Human Libraries als Events statt. Es gibt aber auch einige Beispiele dauerhafter Human Libraries und von Human Libraries in Form von Online-Formaten. Zudem ist eine App als digitale Lernplattform in Vorbereitung.

Human Library in Bibliotheken und Hochschulen

Für Bibliotheken bietet das Angebot einer Human Library eine Möglichkeit, ihre Funktion als Ort der Begegnung und des Lernens über klassische Veranstaltungen oder Ausstellungen hinaus zu erweitern. Mit Human Libraries könnten neue Zielgruppen erreicht werden, neue oder stärkere Kooperationen mit lokalen Organisationen, Initiativen und Communities entstehen.

Verschiedene Bibliotheken in Deutschland führen bereits Human Libraries durch, etwa:

Im Hochschulkontext hat beispielsweise das International Center der Europa-Universität Flensburg bereits eine Human Library veranstaltet.
Auch das gegenseitige Verständnis innerhalb von Bibliotheksteams beziehungsweise gegenüber Nutzenden kann vom Human-Library-Konzept profitieren. Interkulturelle Kompetenz und Sensibilität für Diversitätsfragen können gefördert werden, eigene Vorurteile reflektiert und ein inklusiverer Umgang mit Nutzenden entwickelt werden.

Tipps für das Hosting einer Human Library

Die Organisation einer Human Library erfordert eine sorgfältige Vorbereitung. Bibliotheken müssen geeignete „lebende Bücher” gewinnen, die bereit sind, ihre Geschichten zu teilen. Gleichzeitig gilt es, ein Umfeld zu schaffen, das sowohl für die „Bücher” als auch für die „Lesenden” sicher und respektvoll ist. Klare Gesprächsregeln und geschulte Moderator:innen sind unerlässlich.

Ein Augenmerk bei der Durchführung von Human Libraries liegt also darauf, dass teilnehmende Personen gut behandelt werden. Sie werden trainiert, Grenzen zu setzen, respektlose Fragen zu kontern, und sie können sich zurückziehen, wenn es zu viel wird. Geschulte „Bibliothekar:innen“ sprechen mit „Lesenden“ und „Büchern“ und schreiten bei respektlosem Verhalten ein.

Konkrete Tipps für die Durchführung einer Human Library finden sich hier:

Bibliotheken als gesellschaftliche Brückenbauerinnen

Das Beispiel der Human Library zeigt, dass Bibliotheken ihre gesellschaftliche Verantwortung auch wahrnehmen können, indem sie Räume schaffen, in denen Begegnung möglich wird und Verständnis wächst.

Für die Zukunft ist es denkbar, dass sich Human Libraries zu dauerhaften Angeboten entwickeln, die regelmäßig stattfinden und verschiedene thematische Schwerpunkte setzen. Auch eine Verknüpfung mit anderen bibliothekarischen Angeboten – von Medienworkshops bis hin zu Diskussionsveranstaltungen – könnte sinnvoll sein.

Das könnte Sie auch interessieren:

Über die Autorin:
Birgit Fingerle ist Diplom-Ökonomin und beschäftigt sich in der ZBW unter anderem mit Innovationsmanagement, Open Innovation, Open Science und aktuell insbesondere mit dem “Open Economics Guide”. Birgit Fingerle ist auch auf LinkedIn zu finden.
Porträt, Fotograf: Northerncards©

Diesen Blogpost teilen:

Birgit Fingerle ist Diplom-Ökonomin und beschäftigt sich in der ZBW unter anderem mit Innovationsmanagement, Open Innovation, Open Science und aktuell insbesondere mit dem "Open Economics Guide". (Porträt: Copyright

Podiumsdiskussion: Perspektiven für „Bibliotheken 2050“ Open Science & Bibliotheken 2024: 10 Tipps für Konferenzen & Events User Experience in Bibliotheken: 35 vielversprechende Ansatzpunkte für Einstieg und Austausch mit Gleichgesinnten

View Comments

Expedition Open-Science-Land: Ein Reiseführer für BWL-Forschende
Nächster Blogpost