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Vom 24.-26.09.2018 fanden in Graz an der Technischen Universität die 12. Open-Access-Tage statt, dieses Mal unter dem Motto „Vielfalt von Open Access“. Das umfangreiche Programm mit über 50 Vorträgen sowie Workshops, Posterpräsentationen und Firmenvorträgen stieß wieder auf eine große Nachfrage. Programmatische Schwerpunkte der Tagung waren die Themen Open Educational Resources, die Bedeutung des grünen Wegs heute sowie Open Access im Kontext von Open Science. Über 300 Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren vor Ort, darunter über die Hälfte aus Deutschland. Wir stellen eine Auswahl der insgesamt 15 Sessions vor.

Open Access in Frankreich

Im Rahmen des Tagungsprogramms waren auch drei Keynotes vertreten. In der ersten Keynote „Open Access in France: how the call of Jussieu reflects our social, technical and political landscape” betrachtete Laurent Romary von der Forschungsorganisation INRIA die Open-Access-Landschaft in Frankreich. Diese stellt sich in vielerlei Hinsicht deutlich anders dar als in Deutschland, insbesondere vor dem Hintergrund eines in vielerlei Hinsicht eher zentralistischen Wissenschaftssystems. Dies führte schon früh zur Herausbildung von nationalen Einrichtungen der Wissenschaftskommunikation, unter anderem eines zentralen Repository-Systems (HAL), einer zentralen Forschungsevaluierungsorganisation (HCERES) und eines nationalen Konsortiums zur Verhandlung von digitalen Verlagsinhalten (COUPERIN).

Diese nationalen Systeme begünstigen die Umsetzung von wissenschaftspolitischen Vorgaben und helfen mit, im Rahmen eines in diesem Sommer angekündigten nationalen Open-Science-Plans auch die Umsetzung von Open Access voranzubringen. Bei dieser Umsetzung spielt in Frankreich auch der sogenannte Jussieu-Call eine große Rolle, ein Ansatz zur Open-Access-Transformation, bei dem (anders als zum Beispiel in der OA2020-Initiative der Max-Planck-Gesellschaft) der Fokus weniger auf Vereinbarungen mit den großen Verlagen und dem Aufbau von Publikationsfonds als vielmehr auf dem Aufbau von alternativen Geschäftsmodellen und Infrastrukturen liegt.

DEAL im Kontext der Open-Access-Transformationsstrategien

In der zweiten Keynote beleuchtete Hildegard Schäffler von der Bayerischen Staatsbibliothek das Projekt DEAL. Dabei geht es um das Ziel, deutschlandweite Abschlüsse für das Zeitschriftenportfolio von Wissenschaftsverlagen (aktuell wird mit Elsevier, Wiley und SpringerNature verhandelt) nach dem Publish&Read-Modell zu erzielen. Zielgruppe der Lizenzen sind alle überwiegend öffentlich geförderten wissenschaftlichen Einrichtungen in Deutschland.

Ein wichtiger Aspekt von DEAL besteht darin, im Rahmen eines Lizenzvertrags auch alle Publikationen von Erstautorinnen und -autoren aus deutschen wissenschaftlichen Einrichtungen automatisch Open Access zu schalten. Frau Schäffler stellte DEAL in ihrem sehr gut strukturierten Vortrag zudem in den größeren Kontext möglicher OA-Transformationsstrategien.

Wie wird Open Science auf nationaler Ebene umgesetzt?

Die Abschluss-Keynote am letzten Konferenztag wurde von Katja Mayer vom Zentrum Soziale Innovation in Wien zum Thema „Open Science – Where do we go from here?“ gehalten.

Mit der österreichischen EU-Ratspräsidentschaft wurde unter anderem ein Schwerpunkt auf Strategien für die Implementierung von Open Science gelegt. Open Science wird in den EU-Staaten derzeit von verschiedensten Institutionen vorangetrieben. Zugleich fehlt es aber vielfach an einer nationalen Open-Science-Strategie sowie an einem gemeinsamen Verständnis, wie Open Science auf nationaler Ebene umgesetzt werden könnte. Um die nationale Koordination von Open-Science-Initiativen zu unterstützen, hat die EU-Kommission mit dem Mutual Learning Exercise ein Forum geschaffen, in dem die Probleme und Erfahrungen einer Vielzahl von Ländern und Institutionen offen diskutiert werden können.

Themen des Mutual Learning Exercise on Open Science waren insbesondere das Potenzial von Altmetrics, Anreize und das wissenschaftliche Anerkennungssystem sowie die Entwicklung einer nationalen Roadmap für die Implementierung von Open Science. Katja Mayer hob hervor, dass insbesondere die Entwicklung eines Open-Science-freundlichen Evaluierungssystems für die Forschung und das richtige Anreiz- und Anerkennungssystem wesentliche Voraussetzungen für den erfolgreichen Übergang zu Open Science sind.

Erste Ergebnisse des Nationalen Open-Access-Kontaktpunktes

In der Session 1 wurden die zentralen Ergebnisse des ersten Projektjahres zum Nationalen Open-Access-Kontaktpunkt OA2020-DE vorgestellt. Ziel des Kontaktpunkts ist es, wissenschaftliche Einrichtungen, Bibliotheken, Fachgesellschaften, Verlage und auch einzelne Wissenschaftler*innen im deutschsprachigen Raum bei der OA-Transformation zu unterstützen. Im ersten Vortrag berichteten Alexandra Jobmann und Nina Schönfelder von der Universität Bielefeld über zwei Pilotprojekte.

Das erste erarbeitet in Kooperation mit dem transcript Verlag und Knowledge Unlatched Transformationsmodelle für OA-E-Books. Das zweite ist ein OA-Projekt für Zeitschriften in Kooperation mit dem Copernicus Verlag mit dem Ziel, ein Konsortium in Deutschland zu bilden. Dies soll dann genuine OA-Projekte fördern und dabei die Planbarkeit der Article Processing Charges (APC) für Bibliotheken verbessern, indem Vorauszahlungen auf Basis vergangener Publikationszahlen ermöglicht werden. Anschließend präsentierte Alexandra Jobmann einen Transformationsindex.

Damit soll ein Instrument geschaffen werden, um Fortschritte der Open-Access-Transformation auf Ebene der wissenschaftlichen Einrichtungen und Bibliotheken zu messen. Dafür werden Indikatoren in den Bereichen Politik (zum Beispiel OA Policy), Handlung (zum Beispiel DEAL), Infrastruktur und Kennzahlen gebildet. Im letzten Vortrag der Session stellte Nina Schönfelder eine Studie zu Einflussfaktoren auf APC vor. Die Ergebnisse zeigen, dass für die Höhe der zu zahlenden Artikelbearbeitungsgebühren der Impact-Faktor und der Hybridstatus einer Fachzeitschrift entscheidend sind. Auch Faktoren wie der Fachbereich und der Verlag beeinflussen die Höhe der APC.

Stand der Open-Science-Bewegung, Initiativen und Projekte

Inhalt von Session 3 war die Vorstellung von Initiativen und Projekten aus der Open-Science-Bewegung. Den Auftakt machte Jasmin Schmitz von der ZB MED – Informationszentrum Lebenswissenschaften mit ihrem Vortrag „Offene Wissenschaft – wo stehen wir tatsächlich?“. Sie referierte zunächst über die Bedeutung, Ziele und impulsgebenden Initiativen von Open Science, um im Anschluss darauf hinzuweisen, dass es diesbezüglich keine einheitliche Definition und kein einheitliches Verständnis gibt. Sie brach die Bedeutung von Open Science auf die unterschiedlichen Teilbereiche herunter, die sich durch Open Access, Open Data, Open Source, Open Peer Review, Open Methodology und Open Educational Resources kategorisieren lassen. Hierbei wurde der Status Quo der einzelnen Teilbereiche kritisch beleuchtet und auf die jeweiligen Herausforderungen beziehungsweise Verbesserungspotenziale hingewiesen.

Während beim Zugang von Publikationen im Open Access sowie von Forschungsdaten nach den FAIR-Data-Prinzipien schon große Fortschritte gemacht wurden, stehen wissenschaftliche Einrichtungen bei der Öffnung der übrigen Stadien wissenschaftlicher Arbeitsprozesse teilweise noch am Anfang. Resümierend wurde in einem schlaglichtartigen Überblick dargelegt, in welchem Entwicklungsstadium sich die Open-Science-Bewegung in den Bereichen der Antragsstellung, offene Methoden, offene Protokolle, offene Laborbücher, Open Peer Reviews, offene Metriken, Open Educational Resources, Open Innovation und Citizen Science befindet, und mit den Teilnehmenden diskutiert, ob und wie eine Öffnung dieser Teilbereiche gelingen kann.

Im Anschluss stellte Tony Ross-Hellhauer vom Know-Center aus Österreich die kollaborative Wissensumgebung des EU-geförderten Projekts OpenUp Hub (http://demos.know-center.tugraz.at/openup-hub/) vor. In dieser können sich zentrale Stakeholder vernetzen, um gemeinsam Forschungsergebnisse, Best- Practices, Tools und Guidelines zu erfassen, organisieren und kategorisieren, die für die Review-, Disseminations- und Assessment-Phasen des Forschungslebenszyklusses von Relevanz sind. Es handelt sich um eine integrierte und nutzerorientierte Lösung, die die wissenschaftliche Community in den Mittelpunkt stellt und deren Bedarfe adressiert. Die primäre Zielgruppe setzt sich aus Stakeholdern zusammen, die in den Lebenszyklus von Forschungsdaten integriert sind. Dies sind beispielsweise Forschende, Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler, Lehrende, Bibliothekarinnen und Bibliothekare, Verlage oder F&E-Projektmitglieder.

Zum Abschluss der Session stellte Monika Linne von der ZBW – Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft die BMBF-geförderte Initiative GO FAIR vor. GO FAIR ist ein Vorschlag für die praktische Umsetzung der European Open Science Cloud (EOSC). Es handelt sich dabei um einen offenen und bottom-up-orientierten Ansatz, der die Einbindung aller Forschungsbereiche und Mitgliedsstaaten anstrebt, um Forschungsobjekte in Zukunft gemeinsam nutzbar und wiederverwendbar zu machen. Zur Umsetzung der FAIR-Prinzipien (Findable, Accessible, Interoperable, Reusable) wird zurzeit ein Netzwerk aus länder- und disziplinübergreifenden Implementierungsnetzwerken aufgebaut, so- dass Synergien geschaffen und folglich redundante Arbeiten innerhalb der Handlungsfelder vermieden werden.

Sämtliche Aktivitäten der GO-FAIR-Initiative unterstützen die Philosophie von Open Access, Forschungsdaten – wann immer möglich – offen zugänglich zu machen und zur Nachnutzung zur Verfügung zu stellen. Forschungsergebnisse werden hierdurch transparent, weitere Forschung wird kostengünstig ermöglicht, Qualitätssicherung kann betrieben und Vertrauen in die Wissenschaft hergestellt beziehungsweise aufrechterhalten werden. Somit ebnet die GO- FAIR- Initiative den Weg zur EOSC, die zukünftig Forschende in ganz Europa verbinden wird.

Im zweiten Teil unseres Konferenzberichts geht es um die Entwicklung von Open Access im Rahmen einzelner Fächer und Projekte.

Autorinnen, Autoren: Kristin Biesenbender (ZBW – Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft), Wissenschaftliche Redakteurin Wirtschaftsdienst; Doktorandin an der Universität Hamburg im Bereich Soziologie, insbesondere Wissenschaftsforschung; Monika Linne (ZBW – Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft), Deutschland-Referentin der GO-FAIR-Initiative; Olaf Siegert (ZBW – Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft), Leiter der Abteilung Publikationsdienste und Open-Access-Beauftragter der ZBW; Ralf Flohr (ZBW – Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft), Wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung Publikationsdienste und Content Manager von EconStor.

The ZBW – Leibniz Information Centre for Economics is the world’s largest research infrastructure for economic literature, online as well as offline.

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