Zukunftsagenda für Wissenschaft 2040: Instrumentalisierte Forschung oder Deutschland als Wissenschaftsrepublik?
Angesichts des raschen und teils disruptiven Wandels in der globalen Wissenschaft hat der Wissenschaftsrat das Papier „Wissenschaft in Deutschland – Perspektiven bis 2040“ mit einer Zukunftsagenda für den Wissenschaftsstandort Deutschland vorgelegt. Dieser Blogpost gibt einen Überblick über die darin vorgestellten Szenarien und über Handlungsempfehlungen, die für Bibliotheken und Open Science besonders relevant erscheinen.
von Birgit Fingerle

Am 30.01.2026 veröffentlichte der Wissenschaftsrat seine Zukunftsagenda für den Wissenschaftsstandort Deutschland mit dem Titel „Wissenschaft in Deutschland – Perspektiven bis 2040“. Sie soll einen Rahmen bieten, mit dem die Akteur:innen im Wissenschaftssystem ihr Handeln in den nächsten Jahren immer wieder reflektieren und anpassen können.
Skip to PDF contentBereits jetzt haben sechs Entwicklungen spürbare Auswirkungen auf die Rahmenbedingungen von Bildung, Forschung und Innovation. Sie betreffen mehrere zentrale gesellschaftliche Bereiche: Veränderungen in der Weltpolitik, eine nachlassende wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit, weltweite Krisen und die notwendige ökologische Transformation, Herausforderungen aufgrund demografischer Entwicklungen, technologische Innovationssprünge sowie ein beschleunigter gesellschaftlicher Wandel. Diese Entwicklungen eröffnen Chancen, können die betroffenen Systeme jedoch auch an Kipppunkte führen. In jedem Fall zeigen sie, wie schützenswert – und wie wenig selbstverständlich – die Grundlagen freier Bildung, Forschung und Innovation sind.
Zielbild für 2040: Ein Modell für freie Wissenschaft
In dem Papier entwirft der Wissenschaftsrat ein Zielbild für das Jahr 2040. Kurz gesagt: Deutschland soll 2040 ein weltweit sichtbarer und wettbewerbsfähiger Wissenschaftsstandort sein, der sich durch Spitzenforschung, hochwertige Bildungsangebote und hohe gesellschaftliche Wirksamkeit auszeichnet und ein Modell freier und starker Wissenschaft darstellt.
Als zentralen Erfolgsfaktor und Rückgrat einer autonomen Wissenschaft in Deutschland beschreibt das Zielbild wissenschaftliche Gemeingüter. Dazu zählen bauliche und technische Infrastrukturen, sichere, transparente und interoperable digitale Werkzeuge sowie die Souveränität über Daten und Publikationen. Sie ermöglichen Forschenden in ganz Deutschland, einrichtungsübergreifende modernste Werkzeuge und Infrastrukturen einzusetzen.
Vier Szenarien für 2040
Mithilfe der Szenariotechnik wurden vier denkbare Szenarien für das Jahr 2040 entwickelt. Sie stellen keine Prognose dar. Vielmehr dienen sie dazu, die Chancen und Risiken möglicher, aber unsicherer Entwicklungen für die Wissenschaft besser einzuschätzen und unterstützen eine frühzeitige strategische Weichenstellungen.
Die vier Szenarien im Überblick:
Wissenschaftsrepublik: Deutschland hat sich bis 2040 zu einer wissensbasierten Gesellschaft mit höchster Priorität für Forschung und Bildung entwickelt. Trotz angespannter Haushaltslage wurden staatliche Mittel stark in die Wissenschaft verlagert, sodass der Anteil der FuE-Ausgaben am BIP nahezu verdoppelt wurde. Forschende arbeiten mit stabiler Grundfinanzierung und ohne Steuerung durch Leistungsindikatoren. International tritt Deutschland als einflussreicher Akteur für Open Science auf.
Instrumentalisierte Wissenschaft: Im Jahr 2040 prägen wenige große Tech-Konzerne die deutsche Wissenschaft, indem sie über Daten und KI-Modelle den Zugang zu Finanzierung kontrollieren. Der Staat zieht sich weitgehend aus der Forschungsförderung zurück, wodurch es in der Breite an Ressourcen mangelt. Öffentliche Forschung ist politisch gesteuert, private Investitionen folgen vor allem wirtschaftlichen Interessen. Wissenschaftliche Freiheit wird eingeschränkt, Grundlagenforschung verliert zugunsten marktnaher Projekte an Bedeutung, und intransparente Machtstrukturen fördern autoritäre Entwicklungen.
Situative Wissenschaftspolitik: Wissenschaft spielt 2040 in Deutschland nur eine untergeordnete Rolle für die Zukunftsgestaltung. Die FuE-Ausgaben liegen international im Mittelfeld, das Ziel von 3,5 % des BIP wird nicht erreicht. Forschung konkurriert mit anderen Politikfeldern um begrenzte Mittel, während das gesellschaftliche Interesse gering ist. Politische Unterstützung erfolgt kurzfristig und anlassbezogen, was langfristige Strategien und verlässliche Finanzierung erschwert.
Globaler Forschungsraum: Bis 2040 ist Deutschland Teil der „Global Research Area“ (GRA), einer aus dem Europäischen Forschungsraum hervorgegangenen Organisation mit über 40 Mitgliedsstaaten. Sie bündelt Ressourcen, um globale Herausforderungen wie den Klimawandel gemeinsam zu bewältigen. Die GRA wird durch einen multinationalen Rat gesteuert und arbeitet mit einem komplexen Mehrebenensystem. Trotz einer gemeinsamen Forschungspolitik bestehen nationale Unterschiede fort. Zu den Vorteilen zählt die gemeinsame Finanzierung großer Infrastrukturen.
Zehn zentrale Handlungsfelder
Die Agenda enthält folgende zehn Handlungsfelder:
- Gesellschaftlichen Wandel begleiten und aktiv mitgestalten
- Zum Wohlstand beitragen
- Wissenschafts- und innovationspolitische Handlungsfähigkeit steigern
- Entschlossen profilieren, investieren und konsolidieren
- Bildung modernisieren – Lehre personalisieren
- Wissenschaft als interprofessionelle Teamarbeit konzipieren
- Soziale Durchlässigkeit erhöhen, Potenziale mobilisieren
- Infrastrukturen für Wissenschaft modernisieren und nachhaltig sichern
- In Sicherheit durch Wissen investieren
- Mit verlässlichen Partnern globale Strahlkraft entfalten
Ausgewählte Handlungsempfehlungen
Die Handlungsfelder sind mit konkreten Handlungsempfehlungen für Politik und Wissenschaft verbunden. Diese umfassen unter anderem eine Weiterentwicklung von Kriterien und Verfahren, damit die Anreiz-, Unterstützungs- und Bewertungssysteme gesellschaftliche Wirkungen und Praxisorientierung sichtbar honorieren. Außerdem sollen Wissenschaftseinrichtungen Teamarbeit durch stärkere Anerkennung kollektiver Leistungen in Karriere- und Evaluationsverfahren als zentrales Element wissenschaftlicher Arbeit verankern.
Neue differenzierte Karrierewege und Personalstrukturen sollen Entwicklungs- und Aufstiegsoptionen als Dauerstellen neben der Professur ermöglichen. Departmentstrukturen mit flachen Hierarchien und klaren Verantwortlichkeiten sollen eingeführt und unter anderem gezielte Maßnahmen gegen Machtmissbrauch ergriffen werden.
Eine weitere Handlungsempfehlung ist die kooperative Mitwirkung von wissenschaftspolitischen und wissenschaftlichen Akteur:innen an europäisch eingebetteten Entscheidungs- und Kooperationsstrukturen im Infrastruktur- und Digitalbereich, beispielsweise durch die Gestaltung gemeinsamer Datenräume, Standards und Zugangsregelungen.
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Birgit Fingerle ist Diplom-Ökonomin und beschäftigt sich in der ZBW neben ZBW MediaTalk unter anderem mit Innovationsmanagement und ist Teil des Gleichstellungsteams. Birgit Fingerle ist auch auf LinkedIn zu finden.
Porträt, Fotograf: Northerncards©
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