ZBW MediaTalk

von Laura Bickel, Nicole Clasen und Ralf Flohr (Foto: UH / Fotografin Marie-Luise Kolb)

Vom 30.09. bis 02.10.2019 fanden in Hannover die Open-Access-Tage 2019 (Twitter) statt. Wir berichten von einigen Schwerpunktthemen rund um die Finanzierung der Open-Access-Transformation und Open Educational Resources.

Welche Nachteile haben Author-Pays-Geschäftsmodelle bei der Open-Access-Transformation?

Mit dem Thema “Geschäftsmodelle” widmete sich Session 3 einem der Schwerpunkte der Open-Access-Tage 2019. Vor dem Hintergrund der DEAL-Verträge und dem weiterhin im Mittelpunkt stehenden Author-Pays-Modell (APC-Modell) wurden alternative Geschäftsmodelle vorgestellt und diskutiert. Das APC-Modell wird vielfach kritisiert, weil es weiterhin zu Preissteigerungen führt und in einigen Disziplinen nicht akzeptiert wird. So gibt es in den Geistes- und Sozialwissenschaften bis heute nur sehr wenige renommierte Open-Access-Zeitschriften mit APCs. Auch die DEAL-Verträge werden voraussichtlich nur in wenigen Fällen zu einer Transformation von Zeitschriften hin zu Open Access führen (Flipping). Sofern nicht weitere publikationsstarke Länder umfassende Transformationsverträge abschließen, bleiben die meisten Zeitschriften der Großverlage auf absehbare Zeit subskriptionsbasiert.

Kritik an den Transformationsverträgen wurde auch an anderer Stelle auf der Tagung geäußert, insbesondere in der Keynote “Eine Erfolgsgeschichte? Open Access zwischen kollektivem Handeln, (un-)sichtbaren Infrastrukturen und neoliberalen Verwandlungen” von Elena Šimukovic. Sie hob unter anderem hervor, dass bestehende Machtverhältnisse und Abhängigkeiten zwischen den Großverlagen und Forschungseinrichtungen verfestigt werden. Hinzu komme, dass publikationsstarke Einrichtungen durch die Orientierung der Finanzierung am Publikationsaufkommen künftig überproportional mit Kosten belastet werden. Die faire Verteilung dieser Kosten ist ein Problem, das derzeit intensiv diskutiert wird.

Alternative Geschäftsmodelle für die Open-Access-Transformation

Vor diesem Hintergrund gaben Anja Oberländer und Lena Dreher einen Überblick zu alternativen Geschäftsmodellen. Vorgestellt wurden Modelle der institutionellen Finanzierung, bei denen häufig Zeitschriften von Forschungseinrichtungen und Fachgesellschaften auf der Basis des Open-Journal-Systems betrieben werden. Darüber hinaus spielen Crowdfunding und konsortiale Finanzierung eine größere Rolle. APCs werden bei diesen Modellen nicht erhoben oder von den finanzierenden Einrichtungen übernommen. Bei den Crowdfunding-Modellen wurden Subscribe to Open und Knowledge Unlatched vorgestellt.

Die Initiative Subscribe to Open, auf die bereits in der Eröffnungs-Keynote Daring to Dream of Universal Open Access” von John Willinsky hingewiesen wurde, ist ein Modell, das bei den bestehenden Zeitschriften-Subskriptionen von Bibliotheken ansetzt:

Eine Auswahl an Zeitschriften der Annual Reviews wird in Open-Access- Journals transformiert, sofern alle Bibliotheken ihre bisherigen Subskriptionen einfach erneuern. Die Einnahmen aus den Subskriptionen werden zur Finanzierung der Open-Access-Zeitschriften eingesetzt. Zur konsortialen Finanzierung zählen die Initiativen SCOAP, Fair Open Access Alliance (FOAA) sowie Open Library of Humanities (OLH). Diese Modelle beziehen sich häufig auf bestimmte Disziplinen und basieren auf Konsortialzahlungen von Institutionen, Bibliotheken, Fachgesellschaften, Stiftungen und Forschungsförderern.

In dem zweiten Vortrag dieser Session von Ulrike Kändler und Marco Tullney “Jenseits von APC: Kriterien für Geschäftsmodelle” wurden Kriterien für die Beteiligung an alternativen Geschäftsmodellen analysiert. Hierbei wurde die Bedeutung fairer Open-Access-Konditionen, Kostentransparenz, klarer Finanzierungsregeln und Mitbestimmungsrechte für finanzierende Einrichtungen hervorgehoben. Für Bibliotheken wird sich die Beteiligung an Finanzierungsmodellen für Open Access zu einer zentralen Aufgabe entwickeln, so ein Fazit des Vortrags.

In dem dritten Vortrag der Session stellte Jochen Schirrwagen die Ergebnisse eines OpenAIRE-Workshops “How can we sustain open access publishing in a cooperative way?” vor, in dem die Nachhaltigkeit alternativer Geschäftsmodelle im Mittelpunkt stand. Entscheidend für deren Erfolg seien unter anderem die Anerkennung durch Forschungsförderer, die Evaluation der Qualitätskontrolle durch etablierte Infrastrukturen wie zum Beispiel DOAJ und OA2020, sowie eine intensive Vernetzung der verschiedenen Initiativen.

(Wie) Lässt sich die Open-Access-Transformation finanzieren?

In Session 5 war unter anderem die (finanzielle) Folgenabschätzung der Open-Access-Transformation für Autorinnen und Autoren, Institutionen und Bibliotheken ein wichtiges Thema. Ist genug Geld für die OA-Transformation im System vorhanden? Wo müsste es zu Umverteilungen kommen? Wie kann eine für alle Beteiligten nachhaltige Transformation aussehen? Dr. Nina Schönfelder vom Nationalen Open-Access-Kontaktpunkt OA2020-DE versuchte in ihrem Vortrag “Open- Access-Transformationsrechnung für wissenschaftliche Einrichtungen in Deutschland” Antworten auf diese Fragen zu geben. In der vorgestellten Studie wurde für verschiedene wissenschaftliche Einrichtungen berechnet, ob genug Erwerbungsmittel vorhanden sind und wie der Erwerbungsetat umverteilt werden müsste, damit die APCs der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus den verschiedenen Einrichtungen finanziert werden können, ohne die Autorinnen und Autoren zusätzlich zu belasten.

Diese Transformationsrechnung wurde vom Nationalen Open-Access-Kontaktpunkt für sechs verschiedene Einrichtungen durchgeführt und in der Session beispielhaft für die Universität Bielefeld vorgestellt. Betrachtet wurden unter anderem die Subskriptionsausgaben für Fachzeitschriften der Einrichtungen, der Publikationsoutput sowie die Entwicklung der APCs nach vollständiger Transformation. Für die Bestimmung des Publikationsoutputs wurde die Datenbank des Kompetenzzentrums Bibliometrie als Datenquelle genommen. Auf Grundlage dieser Daten wurde unter anderem analysiert, wie viele Artikel mit Affiliation beziehungsweise mit Korrespondenzautor publiziert wurden, um was für eine Art Publikation es sich handelt (Zeitschriftenartikel, Beitrag in Sammelband und so weiter), in welchen Zeitschriften überwiegend publiziert wurde und in welchen Verlagen publiziert wurde. Darüber hinaus wurden auch Aussagen über den Access-Status der Publikation gemacht.

Ein genauer Überblick über das Publikationsportfolio der Einrichtungen ist wichtig, um die Kosten einer Open-Access-Transformation abschätzen zu können. Eine bekannte Größe für die Einrichtungen sind die jährlichen Subskriptionsgebühren, die für Fachzeitschriften veranschlagt werden. Schwieriger ist dagegen die Berechnung der APCs nach vollständiger Transformation. Um hier eine belastbare Aussage treffen zu können, wurde unter Berücksichtigung verschiedener Annahmen die Entwicklung der APCs für verschiedene Fachzeitschriften geschätzt. Legt man die gewonnenen Erkenntnisse aus der Publikationsanalyse zugrunde, kann man abschätzen, ob die bisher verfügbaren Mittel ausreichend wären, um eine Transformation zu einem APC-basierten System (auch nachhaltig) zu finanzieren.

Die gute Nachricht ist: Unter bestimmten Voraussetzungen kann mit einem vorsichtigen „Ja“ auf die Frage geantwortet werden, ob genug Geld im System ist, um die anfallenden APCs der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu bestreiten. Dabei kommt es aber sehr darauf an, wie sich die APCs nach einem „flippen“ der Zeitschriften entwickeln, wie sich das Publikationsverhalten der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler entwickelt und auch ob weiterhin Publikationen über Förderer unterstützt werden. Eine umfangreiche Analyse findet sich in der kürzlich erschienenen Veröffentlichung “Transformationsrechnung: Mittelbedarf für Open Access an ausgewählten deutschen Universitäten und Forschungseinrichtungen”.

Open Educational Resources in der Praxis einsetzen und fördern

Neben Geschäftsmodellen wurden dieses Jahr auch Open Educational Resources (OER) und ihre möglichen Anwendungsfelder diskutiert. Der gut gefüllte Workshop 2 “Der Moment wenn, … Sie sich Ihren OA-Kurs nicht mehr selber ausdenken müssen…” befasste sich nach einem kurzen Einblick in den theoretischen Überbau von OER mit der praktischen Vorarbeit für einen OA-Kurs. In Gruppenarbeit wurde nach Einführungskursen für die Themen Forschungsdatenmanagement, Bibliometrie und Open Access recherchiert. Neben Best-Practice-Beispielen verschiedener Einrichtungen bekamen die Teilnehmenden so gleich die Gelegenheit, die typischen Stolpersteine bei der Erstellung und Nachnutzung von OER auszuprobieren und zu lösen: Wo finde ich Material? Welches ist für meinen Kurs geeignet? Wie ist das Material lizenziert? Wo finde ich die CC-Lizenz und was bedeutet die angegebene Lizenz für mein geplantes Kursmaterial? Dies sind einige der Fragestellungen, die es zu lösen galt – und die Problematik steckte oft im Detail.

Im Anschluss konnten die OER-Kenntnisse direkt in Session 4 vertieft werden. Gabriele Fahrenkrog und Alexandra Jobmann legten in ihrem Vortrag „Mit Open Educational Resources und Open Access die UN Agenda 2030 unterstützen” dar, wie OER und Open Access die Ziele der UN-Agenda 2030 unterstützen. OER sind ein geeignetes Mittel, um die Ungleichheit beim Zugang zu Bildung abzubauen oder zumindest zu schmälern. Besonders durch die Grundprinzipien von Re-Use und Remix fördern OER Innovation, eine schnelle Verbreitung und kreative Weiterverarbeitung.

Wie das in den Ingenieurwissenschaften gelingt, zeigte danach OpenIng – das Verbundprojekt der TU Darmstadt, TU Braunschweig und der Universität Stuttgart. Beleuchtet wurde auch die Frage, warum OA und OER in den Ingenieurwissenschaften eventuell noch nicht verwendet werden. Die Antworten darauf waren fehlende Publikationsorte, fehlende Reputation durch OA und OER sowie Unkenntnis darüber, was man unter OA versteht. Wichtige Faktoren zur Förderung sind aus Sicht der Forschenden daher auch verbesserte hochschulpolitische Rahmenbedingungen, wie beispielsweise eine OA-Policy, und eine offensichtliche Wertschätzung von Openness durch die Hochschulleitung.

Weitere Informationen:

  • Die Präsentationen der Vorträge bei den Open-Access-Tagen 2019 sind jetzt auf Zenodo verfügbar.
  • Alle Poster der Open-Access-Tage sind nun bei Zenodo veröffentlicht.
  • Die nächsten Open-Access-Tage finden vom 15. – .17.09.2020 in Bielefeld statt.
Autorinnen/Autor:

Laura Bickel | Wissenschaftliche Fachreferentin (ZBW)
Nicole Clasen (Twitter: @NiggiBib) | Leiterin der Abteilung Benutzungsdienste (ZBW)
Ralf Flohr | Wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung Publikationsdienste und Content Manager von EconStor (ZBW)

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