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Ich bin gestern Abend aus Monaco wieder gekommen, es hatte die Einladung gegeben, dort an einem Kongress für Social Media teilzunehmen – internationales Event und wie man sich vorstellen kann, das alles in einem mehr als mondänen Rahmen (ich habe immer noch Haltungsschäden vom eleganten Herumstehen in den Gala-Lobbys). Wie auch immer: Vor Ort war die US-Prominenz der Branche versammelt und ich habe es geschafft, das eine oder andere Interview zu führen. Ausführliche Berichte werde ich an anderer Stelle publizieren (und entsprechend darauf hinweisen), aber ich dachte mir, dass ich hier kurz vier Schlüsseltrends aufzeige, die ich aus Monte Carlo mitgenommen habe. Und los geht es:

1. “Die Dame hätte ich im Semantic Web nie gefunden.”

Wir befinden uns in den Zeiten von Web 2.0. Am Web 3.0 wird jedoch schon fleißig gebastelt. Allgemein wird darunter die Weiterentwicklung des Internets verstanden und zwar fort von den unstrukturierten Datenwüsten und hin zu einem semantischen Netz, in dem Maschinen Informationen nicht nur verwalten, sondern auch verstehen können: Ist Apache ein Hubschrauber oder ein Indianerstamm? Das Semantic Web ist Boom-Thema Nummer eins (nicht nur für Infozentren und Bibliotheken) – dass es jedoch das Web 2.0 komplett ablösen und Social Media überflüssig machen könnte, wurde in Monaco heftig bestritten.

Der CEO einer großen Technologie-Firma erzählte dazu die Geschichte, dass er auf einer Party eine Dame kennengelernt habe. Pech für ihn: Als er am Abend heimkehrte, konnte er sich nur noch an ihren Vornamen erinnern, nehmen wir an, er lautete “Olivia”. Er gab den Namen bei Google ein und erhielt 204 Millionen Treffer. Selbst das intelligenteste Semantic Web ist in einem solchen Fall aufgeschmissen. Er gab den Namen dann bei Facebook ein. Das Netzwerk verfügt heute über 750 Millionen Mitglieder weltweit – dort finden sich Hunderttausende “Olivias”. Doch die Dame, die er suchte, tauchte an erster Stelle in der Ergebnisliste auf. Warum? Weil sie mit sechs seiner Facebook-Freunde befreundet war.

2. “The privacy issue will soon be dead.”

Für die Amerikaner ist das Thema Datenschutz so gut wie gegessen. Ich unterhielt mich dazu mit Don Peppers, praktisch dem Erfinder von Customer Relationship Management (CRM): “Wenn Sie heute die jungen Leute nach Datenschutz fragen, bekommen Sie nur eine Antwort: LOL oder WTF!” Seiner Meinung nach wird sich die Privacy-Debatte der Nutzen-Debatte über kurz oder lang beugen. Sobald die Generation der Baby-Boomer die Bühne verlassen hat, so Peppers, wird die Bewertung persönlicher Daten anders vorgenommen werden. Nur, wenn Nutzer ihre Daten zur Verfügung stellen, kann es gemäß der US-Wirtschaft weitere Innovationen geben. Ich sagte ihm, dass auch wir in Deutschland ein Konkurrenzprodukt zu Facebook haben, StudiVZ. Und dass dies dem Untergang geweiht sei. Der dortige Vorstand beklagt sich ja, dass man nie so erfolgreich wie Facebook sein könne, da man sich an den geltenden deutschen Datenschutz halten muss. Antwort Peppers: “Verstehen Sie? Genau das meine ich.” Allgemein habe Europa (und speziell Deutschland) ein zu großes Vertrauen in die Macht der Regierungen, einen Mindeststandard an Datenschutzregelungen durchzudrücken: “Die Amerikaner vertrauen ihrer Regierung in dieser Hinsicht überhaupt nicht.”

Tatsache ist, dass viele der Innovationen in den Sektoren Social und Mobile nur dann durchgedrückt werden können, wenn der Datenschutz gelockert wird. Noch einmal: Das ist nicht meine Meinung; das ist das, was ich auf dem Kongress aufschnappen konnte. Mehrere US-Unternehmenssprecher versicherten mir im lachenden Tonfall, dass Privacy das kleinste Problem in der heutigen Welt sei.

3. “Menschen werden bald für Marketing bezahlen.”

Der Spruch klingt kühn bis aberwitzig. Welcher Nutzer würde für Reklame Geld auf den Tisch legen wollen? Nun, laut den Experten werden es schon in kurzer Zeit eine ganze Menge sein. Marketing ist nicht länger das Poster an der Litfasssäule, sondern kommt immer häufiger in Form eines Mehrwerts daher. Angenommen, ein Rockstar wirft eine iPhone-App auf den Markt. Das ist Werbung für seine Sache, geboten werden Infos zu Neuveröffentlichungen, vielleicht ein Blog, Sound-Snippets und ein Terminkalender, in dem die kommenden Konzerte vermerkt sind. Nutzer – oder besser gesagt: Fans – sind schon heute bereit, für diese Informationen (die in Wirklichkeit nichts anderes als Werbung sind) echtes Geld zu bezahlen.

Im Zuge des wachsenden Ökosystems von mobilen Anwendungen wird dieses Phänomen weiter zunehmen, die Grenzen zwischen Marketing und Produkt weiter verschwimmen.

4. “Marken sind die neuen Medienunternehmen!”

In einer kleinen Interviewrunde hatte ich Brian Solis, Social Media-Oberguru und Autor des Buches “Engage (or die!)”, vor mir sitzen. Wir stellten einige interessante Fragen und bekamen noch interessantere Antworten. Einen Ausschnitt dieser Diskussion möchte ich im Folgenden kurz mitteilen: Wir näherten uns dem Thema, wie Medienunternehmen (Zeitungsverlage aber auch TV-Sender) in den heutigen Zeiten ihren Kopf über Wasser halten können. Wie können sie von Social Media profitieren, etwa bei Kundenakquise, Distribution und Vermarktung? Solis wischte zumindest den letzten Punkt von der Gedankenkarte: “Wie viele Fans hat StarBucks heute auf Facebook? 25 Millionen? Wenn man bedenkt, dass die Handlungen jeder dieser Fans auf Facebook von ihren Freunden bemerkt werden (etwa beim Drücken von “Gefällt mir”), sind wir bei einer 1-Klick-away-Reichweite von rund 450 Millionen. Sagen Sie mir: Warum soll StarBucks denn in einer Zeitung Werbung schalten? Früher buchten Unternehmen Werbung in Magazinen und bei Zeitungen, um ihre Reichweite zu erhöhen. Heute sind es die Marken, die im Internet die größeren Reichweiten haben. Marken sind die neuen Medienunternehmen!” Erschreckender Gedanke – doch da ist etwas dran.

Man muss natürlich beachten, dass “Reichweite” ein dehnbarer Begriff ist und auch Dinge wie “Zielgruppe” und “Streuverlust” in die Rechnung mit aufgenommen werden müssten. Dennoch: aufrüttelnd. Wer sich selbst ein Bild davon machen möchte, kann auf Brands On Facebook die Fanzahlen deutscher Marken mal mit jenen deutscher Medien vergleichen – oder mit den jeweiligen Auflagenzahlen.

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