Open Science Happy Hour: Ein Cocktail-Rezept macht gute Forschung erlebbar

von Doreen Siegfried (ZBW)

Wie vermittelt man ein wissenschaftspolitisches Thema an Forschende – am Ende eines langen Konferenztags, nach Vorträgen, Panels und vielen Gesprächen? Inwiefern können sich Bibliotheken dabei einbringen? Bei der VHB-Tagung, der Tagung des Verbands der Hochschullehrerinnen und Hochschullehrer für Betriebswirtschaft, in Göttingen wurde darauf am 18. März 2026 mit einem Format geantwortet, das Information, Austausch und Erfahrung miteinander verband: einer Open Science Happy Hour.

Open Science als Forschungspraxis erlebbar machen

Die Idee dahinter war, Open Science nicht nur als wissenschaftspolitisches Programm vorzustellen, sondern als Forschungspraxis, die den Arbeitsalltag von Wissenschaftler:innen unmittelbar betrifft. Gerade in der Betriebswirtschaftslehre gewinnt das Thema an Bedeutung. Wer Forschung nachvollziehbar dokumentiert, methodische Entscheidungen transparent macht und Ergebnisse so aufbereitet, dass andere sie prüfen oder reproduzieren können, trägt zu einer offeneren und belastbareren Wissensproduktion bei. Zugleich bleibt genau diese Frage im Alltag häufig abstrakt. Viele kennen die Begriffe, aber weniger klar ist oft, was sie praktisch bedeuten.

Die Open Science Happy Hour setzte genau an dieser Stelle an. Statt auf das klassische Format einer Vortragssitzung zu setzen, übersetzte sie zentrale Gedanken von Open Science in eine konkrete Erfahrung. Entwickelt worden war das Format von den Co-Autor:innen des Reiseführers Expedition Open-Science-Land: Professor Dr. Marko Sarstedt und Dr. Susanne Adler von der LMU München, Dr. Doreen Siegfried von der ZBW – Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft sowie Dr. Meikel Neumann von der Leuphana Universität Lüneburg.

Inszenierung als Reise ins Open-Science-Land

Mit einem thematischen Einstieg durch Marko Sarstedt und Susanne Adler begann eine Inszenierung, die die Idee des Reiseführers konsequent aufnahm. Die vier Initiator:innen der Open Science Happy Hour führten die Teilnehmenden nicht nur inhaltlich, sondern auch visuell durch das „Open-Science-Land“. Die Rede ist von Blumenketten, bedruckten Motto-Shirts und Hawaii-Hemden mit dem Cover des Reiseführers, die der Session den Charakter einer kleinen Expedition gaben. Selbst die Einführung war im Ton eines Diavortrags gestaltet – mit den typischen „Klacks“ – und griff damit die Sprache des Reisens auf. Dies war mehr als Dekoration. Die Inszenierung schuf einen Rahmen, in dem Beteiligung, Neugier und Offenheit von Beginn an angelegt waren. Leitend blieb dabei die Idee, Open Science nicht nur zu erklären, sondern in einer konkreten Erfahrung sichtbar zu machen, wie sehr wissenschaftliche Nachvollziehbarkeit von guter Dokumentation abhängt. Der Ablauf führte entsprechend klar vom Check-in mit einem Reisepass über die Einführung und Interaktion bis zur gemeinsamen Auswertung.

Einen Replikations-Cocktail mischen

Im Zentrum stand ein Replikations-Spiel. Die Grundidee war ebenso einfach wie instruktiv. Zwei Teams sollten einen alkoholfreien Cocktail, den „Replication Sunrise“, anhand eines Rezepts nachmischen. Team 1 arbeitete mit einem unvollständigen Rezept, Team 2 mit einem vollständigen. Beide Gruppen hatten also dieselbe Aufgabe, aber nicht dieselbe Informationsgrundlage. Genau in dieser Differenz lag der didaktische Kern der Übung. Denn sie übersetzte ein zentrales Problem wissenschaftlicher Arbeit in eine anschauliche Situation. Ob sich ein Ergebnis reproduzieren lässt, hängt nicht nur vom Willen der Beteiligten ab, sondern maßgeblich davon, wie gut Materialien, Schritte und Entscheidungen dokumentiert sind.

Das Spiel war deshalb mehr als ein lockerer Programmpunkt. Es machte ein methodisches Problem körperlich und sozial erfahrbar. Wer ein unvollständiges Rezept vor sich hat, muss Lücken schließen, Annahmen treffen, Reihenfolgen erraten und mit Unsicherheit umgehen. Wer dagegen auf eine vollständige Anleitung zurückgreifen kann, arbeitet unter anderen Bedingungen. Die Übung führte damit in wenigen Minuten vor Augen, was in der Forschung oft erst nach längerer Auseinandersetzung sichtbar wird: Fehlende Angaben erzeugen Interpretationsspielräume, und diese Spielräume wirken sich auf das Ergebnis aus.

Alltagsnahe Übersetzung demonstriert das Problem

Gerade darin lag der didaktische Wert des Formats. Statt Replizierbarkeit abstrakt als Norm zu behandeln, wurde sie in eine alltagsnahe Handlung übersetzt. Diese Übersetzung war bewusst gewählt, weil sie ohne methodische Vorkenntnisse verständlich blieb und dennoch den Kern des Problems traf. Ein Cocktailrezept ist in seiner Logik einem Forschungsprotokoll nicht unähnlich. Es braucht Angaben zu Ausgangsmaterialien, Mengen, Reihenfolge, Arbeitsschritten und mitunter auch zu Bedingungen, die stillschweigend vorausgesetzt werden. Fehlen solche Informationen, ist das Resultat offen für Abweichungen. Genau diese Erfahrung ließ sich an der Mitmachstation direkt beobachten.

Hinzu kam, dass das Replikations-Spiel mehrere Lernebenen zugleich ansprach. Es vermittelte erstens eine Einsicht über die Bedeutung von Vollständigkeit und Präzision in der Dokumentation. Es zeigte zweitens, dass Reproduktion nicht an einzelnen Fehlern scheitern muss, sondern oft schon an kleinen Auslassungen. Drittens eröffnete es den Transfer zur eigenen Forschungspraxis. Welche Informationen müssen in Methodenabschnitten, Codebooks, Datendokumentationen oder Analyseprotokollen festgehalten werden, damit andere Forschende einen Arbeitsprozess nachvollziehen können? Die Übung bot damit keine vereinfachende Metapher, sondern ein Modell für wissenschaftliches Arbeiten unter realistischen Bedingungen von Ungewissheit und Interpretation.

Fehlende Rezeptinformationen verhindern Longdrink-Replikation

Unterstützt wurde dieser Lerneffekt durch die Anlage der Session selbst. Nach dem Check-in mit „Reisepass“ und einem kurzen inhaltlichen Impuls wurde die Aufgabe eingeführt. Anschließend arbeiteten die Teams parallel an der Replikation des Longdrinks. Die Hosts an den Stationen sollten dabei nur minimal helfen und gerade nicht die fehlenden Informationen ersetzen. Sätze wie „Im Rezept steht dazu nichts“ oder der Hinweis, nötigenfalls Annahmen zu treffen, waren Teil des Konzepts. So wurde vermieden, dass die Lücken im Material nachträglich geschlossen wurden. Stattdessen blieb die Unsicherheit erhalten und konnte später zum Gegenstand der Reflexion werden. Am Ende wurden die Ergebnisse fotografisch gesichert und miteinander verglichen.

Gemeinsame Reise- und Rezept-Reflexion

Die Auswertung war deshalb mehr als ein gemeinsamer Abschluss. Sie überführte das praktische Erleben in wissenschaftliche Reflexion. Im Plenum standen drei Leitfragen im Mittelpunkt: Was war gut umsetzbar? Was hat gefehlt? Was könnte man am Rezept verbessern? Diese Fragen richteten sich zwar formal auf den Cocktail, zielten aber erkennbar auf Forschungsprozesse. Sie lenkten den Blick auf die Bedingungen guter Dokumentation, auf die Bedeutung expliziter Entscheidungen und auf die Qualität von Anleitungen, mit denen andere arbeiten sollen. Ergänzt wurde das durch ein persönliches Commitment im „Reisepass“, in dem die Teilnehmenden ein Stichwort für die eigene Praxis notieren konnten.

Gerade in dieser Verbindung von Spiel, Erfahrung und Reflexion lag die Stärke des Formats. Die Session wollte nicht belehren, sondern sensibilisieren. Sie setzte darauf, dass Einsicht nachhaltiger wird, wenn sie aus einer eigenen Erfahrung entsteht. Für ein Thema wie Open Science ist das besonders passend. Denn die Relevanz offener und transparenter Forschung erschließt sich oft weniger durch Definitionen als durch Situationen, in denen nachvollziehbar wird, was bei unklarer Dokumentation verloren geht. Das Replikations-Spiel machte diese Einsicht anschaulich, ohne sie zu trivialisieren.

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Über die Autorin:
Dr. Doreen Siegfried ist die Leitung der Abteilung Marketing und Public Relations in der ZBW – Leibniz Informationszentrum Wirtschaft. Sie ist auch auf LinkedIn.
Porträt: ZBW©

Fotos: Karl Knerr©

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