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von Birgit Fingerle

Zu den Gründen für die Förderung von Open Science gehören ihre potenziellen wirtschaftlichen Vorteile. Aber führt eine Öffnung der Wissenschaft zu wirklich nachweisbaren wirtschaftlichen Vorteilen? Ein Artikel über die ökonomischen Auswirkungen, “The Economic Impacts of Open Science: A Rapid Evidence Assessment” wurde am 1. Juli 2019 veröffentlicht. In ihm werden die wirtschaftlichen Auswirkungen von Open Science und ihre Kontextfaktoren mittels einer systematischen Durchsicht bestehender Studien überprüft.

Das Ergebnis: Die Beweise sind lückenhaft und vielfältig. Einer der Gründe dafür ist, dass die Nutzung der Ergebnisse von Open Science selten eindeutige Spuren hinterlässt, insbesondere außerhalb des akademischen Kontextes. Daher ist es oft notwendig, Interviews oder Umfragen durchzuführen, um Daten zu erhalten. Dies führt oft zu einer geringen Aussagekraft, die auf methodische Gründe zurückzuführen ist, wie kleine, nicht zufällige Stichproben von Teilnehmenden oder Schwierigkeiten, der Nutzung von Open-Science-Ergebnissen spezifische wirtschaftliche Auswirkungen zuzurechnen.

Darüber hinaus ist zu beachten, dass sich alle gefundenen ökonomischen Bewertungen von öffentlichen oder privaten offenen Forschungskooperationen auf die Lebenswissenschaften beziehen. Alles in allem scheint die Datenlage unzureichend zu sein, was zu begrenzten Beweisen des wirtschaftlichen Nutzens führt. Dennoch gibt das Rapid Evidence Assessment einen breiten Überblick über bestehende Studien und interessante Einblicke in den wirtschaftlichen Erfolg von Open-Science-Projekten.

Wie können die wirtschaftlichen Auswirkungen von Open Science gemessen werden?

In dem Rapid Evidence Assessment wurden verschiedene Forschungsansätze identifiziert. Zu ihnen gehören:

  • In Umfragen werden Nutzerinnen und Nutzer offener Daten gefragt, wie viel Zeit sie mit der Suche nach Daten verbringen und wie diese Zeitspanne durch Open Data verringert wird. Im nächsten Schritt werden Gehaltsschätzungen verwendet, um die Einsparungen bei den Arbeitskosten zu beziffern.
  • Die Zahlungsbereitschaft für den Zugang zu derzeit kostenlosen Diensten wird erfragt, um den Wert der freien Ressourcen abzuschätzen. Zieht man die Zahlungsbereitschaft vom Nutzungswert ab, erhält man einen Einblick in den Konsumüberschuss.
  • Die Nutzenden werden beispielsweise gefragt, wie viel Zeit sie schätzungsweise für die Aufbereitung der Daten für den Upload oder für die Arbeit mit den heruntergeladenen Daten aufgewendet haben, und inwieweit sie ihre Arbeit verrichten könnten, wenn sie keinen Zugang zu den offenen Daten hätten. Die Kombination dieser Daten mit Arbeitskostenschätzungen gibt einen Einblick in die Investitionen für die Aufbereitung oder Nutzung von Open Data.

Quelle: Figure 1: Flow Chart showing rapid evidence assessment (REA) process
(“The Economic Impacts of Open Science: A Rapid Evidence Assessment”)

Solche Forschungsansätze haben ein erhebliches Potenzial für Messfehler und Fehler bei Kostenschätzungen. Darüber hinaus werden oft mehrere Ansätze in einer Studie kombiniert. Diese Heterogenität der Methoden erschwert auch den Vergleich der Ergebnisse verschiedener Studien. Da der empirische Nachweis für die ökonomischen Auswirkungen von Open Science oft in Form von Fallstudien gesammelt wird, sind die Erkenntnisse schwer zu verallgemeinern, beinhalten aber dennoch interessante Erkenntnisse.

Welchen wirtschaftlichen Nutzen bietet Open Science?

Der Review konzentriert sich auf die direkten ökonomischen Auswirkungen von Open Science auf die Wirtschaft im Allgemeinen, wie Veränderungen bei der Produktivität, Wettbewerbsfähigkeit, Beschäftigung, Einkommen und Wertschöpfung. Somit ist er nicht auf das wissenschaftliche Ökosystem beschränkt. Indirekte Vorteile werden in dem Review nicht untersucht, auch wenn sie als potenziell sehr wichtig angesehen werden, etwa das Open Science zur Entwicklung neuer Medikamente und damit zu Produktivitätssteigerungen durch Gesundheitsverbesserungen beiträgt.

Im Rahmen des Reviews wurden verschiedene Weisen identifiziert, wie Open Science wirtschaftliche Auswirkungen hat, die grob in Effizienz (einen bestimmten Output aus Forschung oder Innovation durch weniger Input erzielen) und Ermöglichung (Open-Science-Ansätze, die zu Aktivitäten mit wirtschaftlichen Auswirkungen führen, die wahrscheinlich in einer geschlossenen Umgebung nicht stattgefunden hätten) unterteilt werden können.

Effizienzvorteile von Open Science

Zu dem ökonomischen Nutzen der “Effizienz” gehören:

  • Einsparungen bei Zugangskosten: Als Ergebnis von Open Access werden Kosteneinsparungen in Universitäten oder im Verlagswesen erwartet, trotz beträchtlicher Kosten, die beispielsweise bei einigen Modellen durch den Übergang verursacht werden. Darüber hinaus könnte Open Access zu einer Kostensenkung für Unternehmen führen, die auf Forschungsergebnisse zugreifen, oder die Verfügbarkeit von Forschungsergebnissen könnte sich erhöhen. Laut einer Studie, die im Rahmen des Reviews gefunden wurde und die die Kosten und Einsparungen im Zusammenhang mit dem Zugang zu Forschungsergebnissen im Rahmen von offenen oder bezahlten Zugangsmodellen zusammenfasst, hätte der Hochschulsektor in Großbritannien durch Open Access 813-1.180 Pfund pro Zeitschriftenartikel im Vergleich zum gebührenpflichtigen Zugang eingespart. Dies wäre eine Einsparung von 80-116 Millionen Pfund pro Jahr (im Jahr 2007) gewesen. Diese Zahlen sind jedoch umstritten, da zum Beispiel angezweifelt wird, wie die Veröffentlichung bewertet wurde. Darüber hinaus könnten die Kosten für den Übergang zu Open Access durch höhere Bearbeitungsgebühren für die Artikel geprägt worden sein, wie jüngste Untersuchungen zeigen. Dies kann zu einer negativen Auswirkung auf den Nettonutzen führen.
  • Einsparungen bei Arbeitskosten (oder Produktivitätssteigerungen): Die Zeit, die Forschende oder Unternehmen für den Zugang zu Forschungsergebnissen benötigen, spiegelt sich in den Arbeitskosten wider. Es wird davon ausgegangen, dass der Zugriff auf geschlossene Forschungsergebnisse länger dauert als der Zugriff auf offene Ergebnisse. Bei einer nicht repräsentativen Umfrage in Dänemark wurde untersucht, wie viel theoretisch durch den Abbau aller Zugangsbarrieren eingespart werden könnte. Die tatsächliche Zeitersparnis durch Open Access wurde jedoch nicht getestet. Open Access kann auch Text- und Data-Mining fördern. Im Vergleich zur manuellen Arbeit kann dadurch Zeit für die Extraktion nützlicher Informationen aus Quellen eingespart werden, aber es ist schwierig, die mögliche Zeitersparnis abzuschätzen. Eine der zitierten Studien geht von einer Einsparung von über 4,7 Millionen Arbeitsstunden pro Jahr aus.
  • Einsparungen bei Transaktionskosten: Open Access kann die Transaktionskosten senken, insbesondere die Kosten und den Zeitaufwand für Vereinbarungen, die für den Zugriff auf Daten oder Publikationen erforderlich sind. Diese Einsparungen bei den Transaktionskosten gelten auch für Text- und Data-Mining. Kollaborative Forschungsprojekte vermeiden direkte Kosten und Arbeitskosten für die Aushandlung von Vereinbarungen. In einer Studie wurde geschätzt, dass die Kosten für Vereinbarungen Hunderttausende von Dollar für eine einzige Kooperation betragen können. Insofern bieten Kooperationen zwischen mehreren Institutionen ein erhebliches Potenzial für Einsparungen bei den Transaktionskosten.

Zu den weiteren Effizienzvorteilen von Open Science gehören: Doppelarbeit wird vermieden, die zu hohen Kosten führt und bei geschlossener Forschung häufig vorkommt, da Teams in verschiedenen Unternehmen an derselben Sache arbeiten und nichts davon wissen. Der geschlossene Charakter der Forschung macht es schwierig, das Ausmaß dieses Effekts abzuschätzen. Die Redundanz in der Forschung ist auch eine Folge der allgemein geringen Veröffentlichung von „Nullresultaten”. Offene Ansätze wie die Vorregistrierung von Studien könnten dazu beitragen, die Situation zu verbessern, da sie Doppelarbeit bei ineffizienten Forschungsansätzen reduzieren würden. Darüber hinaus könnte Text- und Data-Mining auch das Bewusstsein für vorangegangene Forschungserkenntnisse fördern.

Open Science ermöglicht neue Aktivitäten und Ergebnisse

Zu den wirtschaftlichen Vorteilen der Art, dass neue Outputs und Arbeiten, die sonst nicht hätten durchgeführt werden können, durch Open Science ermöglicht werden, zählen:

  • Neue Produkte/Dienstleistungen/Unternehmen: Es wurden keine wirtschafts- oder branchenweiten Studien darüber gefunden, inwieweit neue Produkte, Dienstleistungen oder Unternehmen gegründet wurden, sondern eine Reihe von Fallstudien, die die Existenz solcher Mechanismen aufzeigen.
  • Kooperationen: Open Science kann kollaborative Forschung zum Leben erwecken, die sonst nicht möglich gewesen wäre.
  • Arbeiten ermöglichen: Die Ergebnisse von Open Science können weitere Forschung ermöglichen, die sonst nicht möglich gewesen wäre. Eine Umfrage, die im Rahmen der Evaluierung des European Bioinformatics Institutes durchgeführt wurde, ergab beispielsweise, dass 45 % der Befragten die Daten, auf die sie über das Repositorium des Instituts zugreifen, nicht selbst hätten finden oder erstellen können. Insofern können Arbeiten, die auf diesen Daten basieren, als zusätzliche Arbeiten angesehen werden, da sie nur durch die Existenz des Instituts möglich wurden. Es kann auch angenommen werden, dass Open Science umfangreichere Text- und Data-Mining-Potenziale freilegt, die helfen, bisher verborgene Zusammenhänge zwischen verschiedenen Forschungsbereichen aufzudecken.

Barrieren und Kosten von Open Science

Im Rahmen des Reviews wurde auch untersucht, ob es Beweise für negative wirtschaftliche Auswirkungen von Open-Science-Ansätzen gibt. Es wurden viele Beispiele identifiziert, bei denen Open Science Mehrkosten oder andersartige Kosten verursachte, zum Beispiel zusätzliche Kosten für die Vorbereitung von Datensätzen zur Veröffentlichung oder Bearbeitungsgebühren für Artikel. Es wurden jedoch keine Hinweise bezüglich einer negativen Gesamtwertschöpfung gefunden.

Über diese direkten Kosten hinaus gibt es viele Hürden, die der Realisierung des vollen Potenzials von Open Science entgegenstehen oder sogar zu negativen Auswirkungen führen. Beispielsweise führen mangelnde Fähigkeiten in Institutionen in Bereichen wie Suche, Interpretation und Textmining, die für die Nutzung der Ergebnisse von Open Science erforderlich sind, zu einer geringen Nutzung der potenziellen Vorteile. Ein weiteres Hindernis scheint die zu geringe Klarheit über die Vorteile von Open Science zu sein. Aber in keiner der im Review enthaltenen Studien wurde versucht, diese Effekte zu bewerten.

Ein weiteres Thema sind mögliche indirekte Vor- oder Nachteile von Open-Science-Praktiken für Forschende. Ein potenzieller Konflikt entsteht, wenn Institutionen eine Veröffentlichung in bestimmten Zeitschriften erwarten, die keinen Open Access anbieten. Darüber hinaus könnten Forschende eine mangelnde Anerkennung für das Befolgen von Open-Science-Ansätzen befürchten. Das wirtschaftliche Wohlergehen der Forschungsgemeinschaft könnte auch dadurch geschmälert werden, dass Fehlanreize dem Sharing von Daten und der schnellstmöglichen Veröffentlichung von Papers entgegenstehen. Data-Sharing-Verpflichtungen könnten sich sogar negativ auf die Erhebung von Daten auswirken.

Empfehlungen

Der Review trug des Weiteren Empfehlungen zur Maximierung der positiven wirtschaftlichen Auswirkungen von Open Science zusammen. Dazu gehören:

  • Förderung und Unterstützung neuer offener Kooperationen
  • Vereinfachung von Text- und Data-Mining
  • Entwicklung eines Open-Access-Forschungsergebnis- /Datenportals für Unternehmen
  • Schaffung abgestimmter Positionen und Begleitung bei Open Science und Kommerzialisierung
  • Kontinuierliche Unterstützung für offene Forschungsdaten-Repositorien
  • Fortlaufende Forschung zu neuen Metriken und Anreizen
  • Erhebung weiterer Daten über die Nutzung von Open-Science-Methoden, über Nutzerinnen und Nutzer sowie über Kosten

Weitere Informationen

The Economic Impacts of Open Science: A Rapid Evidence Assessment

Birgit Fingerle ist Diplom-Ökonomin und beschäftigt sich in der ZBW unter anderem mit Innovationsmanagement, Open Innovation und Open Science. Birgit Fingerle holds a diploma in economics and business administration and works at ZBW, among others, in the fields innovation management, open innovation and open science.

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